88
Arnold E. Beiger.
eignen Bücher als der erste dem Feuer überantworten. Er habe es auchwohl bedacht, daß Zwietracht und Aufruhr entstehen müsse von seinerLehre, aber es sei der Wille des Herrn so, denn der Herr ist ja nicht ge-kommen, den Frieden zu senden, sondern das Schwert, den Menschenzu erregen wider seinen Vater und die Tochter wider ihre Mutter.Schrecklich sind die Gerichte Gottes: was wir jetzt zu unternehmenwähnen um des lieben Friedens willen, das kann, wofern es anfängt mitder Verdammung des göttlichen Wortes, nicht anders als zu einer Sint-flut unerträglicher Übel ausschlagen, und diesem jungen, edeln KaiserKarl, auf den nächst Gott so große Hoffnung steht, wird alsdann ein un-seliger Eingang und ein unglücklich Regiment zu teil werden. EinPharao, die Könige von Babel und von Israel haben sich gerade dannam meisten Verderben bereitet, wenn sie mit den klügsten Anschlägenihr Reich zu befrieden und zu festigen wähnten, denn Gott erhäschet dieWeisen in ihrer Klugheit und bringet die Berge zu Fall, ehe denn sie esmerken: darum soll man ihn fürchten! „Solches sage ich nicht, als obso hohe Häupter meiner Lehre und Mahnung bedürften, sondern weilich dem Dienste mich nicht entziehen darf, den ich meinem Deutschlandschuldig bin!"
Das war im Namen der Christenheit gesprochen, zugleich aber fürdie Christenheit ini Namen der deutschen Nation: in diesem Bekenntniszog Luther die Summe seines informatorischen Entwicklungsganges, aufdessen erstem Zielpunkt er sich jetzt stehen fühlte als den Sprecher Deutsch-lands. Es war ihm heiß geworden in dem überfüllten Saal. Manwünschte die Rede noch einmal deutsch von ihm zu hören. Der kurfürst-liche Rat Herr v. Thun, der die Erschöpfung des Redners wohl bemerkte,rief ihm mitleidig zu: „Könnt Jhr's nicht, so ist's genug, Herr Doktor!"Aber Luther schenkte sich nichts: hoch aufgerichtet, den Blick zum Himmelgewendet, wiederholte er in freier Wiedergabe seine ganze Rede aufdeutsch, begleitet von dem Beifallsgemurmel der aufhorchenden Menge,die erst jetzt ihren Helden ganz verstand. Dann traten die Stände zurBeratung zusammen. Es war nicht so leicht, die Antwort zu finden.Die erste und die zweite seiner Schriftenreihen deckte sich ja ungefährmit dem, worüber die Stände eine Diskussion hatten zulassen wollen.Wenn er aber nun Gegengründe wider seine Angriffe auf den Kirchen-glauben verlangte, so hieß ja das, die päpstliche Verurteilung ignorierenund in eine theologische Disputation eintreten, und eben das sollte ver-mieden werden. Unter diesen Umständen war nur eine Antwort mög-lich. Der Offizial erklärte, eine erneute Prüfung der Lutherschen Mei-nungen durch fromme und gelehrte Männer würde allerdings am Platzesein, wenn diese Meinungen nur selbst neu wären: gerade das sei aber nichtder Fall, vielmehr seien diese Meinungen bereits von den Waldensern,voniWiclif, Hus u. a. verfochten und durch die heiligen Konzilien ver-dammt worden. In eindringlicher Rede ermähnte er den kühnen Spre-