Persönlichkeit des Großen Kurfürsten.
Bon Leopold v- Ranke.
Kurfürst Friedrich Wilhelm steht ebenbürtig in der Reihe der großentheoretisch-praktischen Geister, die das siebzehnte Jahrhundert in seinenreligiösen und politischen Kämpfen hervorgebracht hat. Gustav Adolfund Kardinal Richelieu waren von unvergleichlich größerer Bedeutungfür die Entscheidung der Weltgeschicke, Wallenstein unternehmender,Cromwell unergründlicher angelegt, originaler, an seiner Stelle ge-waltiger, Karl Gustav verwegener; er vermaß sich, die Welt des Nor-dens aus ihren Angeln zu heben; niemals wird man den feinen Be-gründer der diplomatischen Weltstellung von Frankreich, Mazarin,noch auch den bedächtigen, erwägungsvollen Republikaner Johann de Witt,den Urheber des politischen Gleichgewichts, vergessen. Friedrich Wil-helm hatte nicht eine Stellung, um eine so universal eingreifende Wirk-samkeit auszuüben; aber seine Tätigkeit ist nicht minder bedeutend.Er lebte nicht allein in den momentanen Kämpfen: er vollbrachte eineGründung für alle Zeiten.
Kurfürst Friedrich Wilhelm erscheint als ein Mann von natür-lichster Gnfachheit, der, wenn er über den Markt geht, wohl ein paarNachtigallen kauft, die man feilbietet; denn er liebt Singvögel in seinenGemächern; der in seinem Küchengarten das aus der Fremde gebrachteReis mit eigener Hand pfropft, in Potsdam die Trauben iin Wein-berge lesen, die jungen Karpfen im Teich fischen hilft. Dabei aber rich-tete er sich doch eine stattliche Hofhaltung ein; er hält auf die Abzeichen,die ihn von allen anderen unterscheiden, er legt selbst Wert darauf,daß er einen gewissen Aufwand machen kann, nach welchem ihn nie-mand zu fragen hat. Für die Künste wohnte ihm ein natürliches Talentinne, so daß er das Gute und Brauchbare auf den ersten Blick unter-schied. Er war mehr ein Kriegsmann als ein Gelehrter; aber er hatteSinn für Gelehrsamkeit und den Wunsch, sich allseitig zu unterrichten.Wichtige Fragen über zweifelhafte Punkte legte er den Gelehrten vor,die er erreichen konnte, und ließ sich von ihnen Vortrag halten, ohne dieKontroverse zu scheuen. In seinen mittleren Jahren geschah das alleTage: die Staatsgeschäfte litten dabei nicht. Er war vielmehr überzeugt,daß er eben des Rates der Gelehrten bedürfe, um sie zu führen.