4. In einer deutschen Stadt des 16. Jahrhunderts.
Der Beginn der neuen Zeit zeigt die deutschen Städte und dasdeutsche Bürgertum aus ihrer Höhe. Die Städte waren stark befestigt, >die öffentlichen Gebäude, besonders die Kirchen und die Rathäuser,aber auch viele Privathüuscr, waren Zeugen deS Reichtums der Bürger.Manche Städte, wie Augsburg und Nürnberg in Süddeutschland, wieMagdeburg und Lübeck im Norden, waren der Macht selbst größererLandcsfürstcn gewachsen. Der Bürger war stolz, selbst trotzig; er-kannte eben seine Kraft.
Unser Bild bietet im Hintergründe die Hauptkirche der Stadt,den Dom; rechts von dem Gottcshausc fällt unser Blick auf einenTurm, wie ihn die Stadtthore zu tragen pflegten. Die Wohnhäuserkehren der Straße ihre Giebel zu; Stein- und Holzbauten zieren sichvielfach mit Erkern; die Erker der Stciugcbäude tragen gotischeTürmchen, die Holzhäuser zeigen oft Schuitzwerk, das durch lebhafteFarben hervorgehoben wurde.
Über den freien Platz zieht ein schwerbeladener Lastwagen aneinem kunstreichen Brunnenbau vorüber; Reisige geben ihm dasGeleit, haben auf der unsicheren Landstraße die teure Ladung geschützt.Links schreiten uns entgegen die Vertreter des Alten, ein Patrizierin pelzvcrbrümtem Mantel und ein Mönch. Auf der rechten Seitedes Bildes hält im offenen Laden ein Kunsthändler seine Ware feil;vor dem Laden steht der protestantische Prediger im Gespräche miteinem angesehenen Kaufherrn und dessen Gattin. Im Mittelpunktedes Bildes tritt uns die mit Allgewalt hereinbrechende neue Zeitentgegen. Zwei Landsknechte in ihrer bunten Tracht und ein Hand-werksmeister, dessen kräftiger Gestalt man es ansieht, daß in seinerZunft sein Wort etwas gilt, hören dem Buchhändler zu, der ihnenetwa die Wittcubcrgcr Thesen gegen den Ablaß anbietet; an dasGeländer, vor dem er seinen Tisch aufgeschlagen hat, hat der Ver-käufer einen Holzschnitt geheftet, das Bild Luthers, deS Mannesdes Jahrhunderts.