Band 
Dritter Kursus.
Seite
266
JPEG-Download
 

266

Neue Geschichte.

Von den Beschlüssen des reformirten Parlaments, welches sich imJanuar 1833 zum erstenmal versammelte, erwähnen wir die Freigebungdes Handels nach Ostindien und China 1833, der bisher ein Mo-Abschafsung nopol der ostindischen Kompagnie gewesen, und die Abschaffung derder Skla- Sklaverei in allen britischen Kolonien (vom 1. August 1834 an), wo-verei 1834. gegen den Sklavenbesitzern eine Entschädigung von 20 Millionen PfundSterling bewilligt wurde. Der edle Menschenfreund Wilberforce er-lebte zwar diesen Tag nicht mehr (starb 1833), doch bleibt unvergessen, daßseiner Thätigkeit hauptsächlich dieser Sieg der Humanität zu danken ist.

Nach Durchsetzung der Reformbill trat für England eine andere FrageZrland. in den Vordergrund, das Verhältniß zu Irland, wo trotz der Emanzipa-tion der Katholiken eine verdrossene, widerspenstige Stimmung gebliebenwar. O'Connel <S. 254), der große irische Agitator, wußte die Spannungzwischen dem einheimischen Pächter und dem fremden Grundherrn, zwischendem katholischen Volke und der Geistlichkeit der englischen Hochkirche aus-zubeuten und in großen, von Hunderttausenden besuchten Volksversamm-lungen für den Gedanken der „Repeal", d. h. des Widerrufs der Unionmit England, zu begeistern. Zwar warnte der Agitator vor Aufruhr undGewaltthat, aber in Folge seiner zündenden Reden blieben Ausschreitungennicht aus, so daß England endlich zu strengeren Maßnahmen und kriege-rischen Rüstungen greifen mußte, wobei es indeß durch weise, zeitgemäßeGesetze manches alte Unrecht auszugleichen suchte.

Viktoria 2. Inzwischen war Wilhelm IV. (20. Juni 1837) gestorben und ihmseit 1837. seine 18jährigc Nichte Viktoria, die Tochter des Herzogs von Kent (starb1820), auf dem Thron gefolgt. Sie vermählte sich 1840 (10. Februar) mitdem Prinzen Albert von Koburg, einem durch Talent, feine Bildung undCharakter ausgezeichneten Fürsten I Die neue Königin, liberalen Anschauun-gen huldigend,' näherte sich der Partei der Whigs, und im Jahre 1839 setztedas aus ihnen gebildete Ministerium Melbourne zu Gunsten Jrland's dieZehntenab- Zehntenablösungsbill durch, in Folge deren der Zehnten in eine Geld-lösungsbill steuer verwandelt wurde, welche der Grundbesitzer zu tragen hat. Doch dauert

1838. bis auf den heutigen Tag der Zwiespalt mit Irland noch fort, und derweit ausgebreitete Geheimbund der „Feiner" sucht die Rechte des zurückge-setzten Landes zur Geltung zu bringen, wobei er selbst vor Gewaltthatennicht immer zurückschreckt'^.

Chartisten Mit der Reformbill war aber nicht den Wünschen Aller genügt worden.

1839. Manche fanden die Bill nicht demokratisch genug, suchten darum auf dieMasse der durch die künstlich hohen Kornpreise und durch das Aufkommender Maschinen in große Noth versetzten Fabrik- und Handarbeiter einzu-wirken und stellten in einer sogenannten Volkscharte, von der sie den Na-men Chartisten erhielten, ihre Forderungen auf. Diese waren: allge-meines Stimmrecht, Wahlbezirke von einer bestimmten Kopfzahl, jährlicheParlamente mit geheimer Wahl u. s. w. Da die Chartisten weder durchden einberufenen Nationalkonvent, noch durch die dem Parlamente übcrge-

1 Prinz Albert starb zum großen Schmerz seiner Gemahlin und des ganzenLandes am 14. Dezember 1861. — Der Thronerbe, Albert Eduard, ist am9. November 1841 geboren.

2 Die Unzufriedenheit der Iren mit ihren heimatlichen Zuständen findet inder gesteigerten Auswanderung derselben beredten Ausdruck. Dieselbe beläuft sichseit 1851 bis 1875 auf 2,350,000 Personen.