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8 2. Erstes Kapitel: Die Revolution bis zur Erklärung der Republik.
selben unmittelbar durch Geschenke des Königs oder mittelbar durch die Über-tragung der reichen Ämter und Pfründen zu erlangen wußten. Dabei schwandzugleich jeder Gedanke an die Verpflichtungen, die die höhere Stellung demherrschenden Stande auferlegen muß, wie der Gedanke an die gesellschaftlichenLeistungen, aus denen allein die sittliche Berechtigung einer solchen Herrschaftberuht. Statt dessen machte sich eine Lebensansicht geltend, für welche der Besitzder Macht lediglich ein Mittel zur Befriedigung des krassesten persönlichen Inter-esses war. Schon rein äußerlich gab sich das kund in den immer starrer werdendenFormen der Etikette, der Verschiedenheit der Kleidung, der gesellschaftlichenAbzeichen, durch die auf die Schaustellung der Macht und des Reichtumsdas größte Gewicht gelegt wurde. Immer schlimmer war der Mißbrauch ge-worden, unliebsame Personen im Gefängnis verschwinden zu lassen durch dieNsttrss cls eaellsi, d. h. Haftbefehle, die im Namen oder im Austrage desKönigs ohne andere Kontrole als die Signatur eines Ministers auf Papiergeschrieben und mit dem kleinen königlichen Siegel geschlossen waren.
Die Verschwendung des Hofes, die hohen Pensionen und Gnadengelder, diekostspieligen Kriege erschöpften die Staatskasse und vermehrten die Schuldenlast, ihr? Vsr-Jm Jahre 1759 waren fast 504 Millionen aufgewendet und nur 286 ftg Millioneneingenommen worden. Steuern und Anleihen waren die einzigen Mittel,das mit jedem Jahre zunehmende Defizit zu decken; aber beide waren fürdas Land drückend. Denn da die Regierung ohne Vertrauen und Kredit war,so wurden die Darlehen nur gegen hohe, die Finanzverlegenheit stets mehrendeZinsen dargereicht, was aber die Steuern und Auflagen betrifft, so warenzwar die dadurch erlangten Summen im Vergleich mit der heutigen Besteuerunggering, allein ihre Erhebung durch die Generalpächter und deren blut-saugenoen Unterbeamten wie ihre Verteilung auf den Bürger- undBauernstand machten sie für die unteren Stände, die ohnedies mit Zehnten,
Fronden und anderen ihren Gutsherren schuldigen Abgaben belastet waren,höchst drückend, während der Adel und die Geistlichkeit Steuerfreiheitgenossen. Dabei war das Vermögen der Kirche durch Stiftungen und Schenkungen,durch Kauf und kluge Politik gewaltig angewachsen — man konnte beim Beginnder Revolution das liegende Besitztum der toten Hand auf mindestens 4 MilliardenFrank berechnen, — indes das kam nur der höheren Geistlichkeit zugute, währendder niedere Klerus, dem die ganze Seelsorge und die kirchlichen Arbeiten über-lassen blieben, zum größten Teile in der bittersten Armut lebte und nicht diegeringste Aussicht hatte, einmal in bessere Stellen zu kommen. Der Bürger-stand aber war in der Entwicklung des Handels, Gewerbes und der Industriedurch das Zunftwesen völlig gelähmt: Geschäft und Handwerk vererbtenoder wurden von der Zunft vergeben, bei der Gunst und Geld ebenso wie imstaatlichen Leben die ausschlaggebenden Faktoren waren. Die große Zahlder namentlich in Paris wohnenden unzünftigen Handwerker und Arbeiterwurde später von der größten Bedeutung für die von den Vorstädten St. Marceauund St. Antoine ausgehenden revolutionären Bewegungen.
Die wesentlichste der direkten Steuern, eine Grund- und Vermögenssteuer, die TailleTaille, lastete allein, die Zuschläge zur Taille fast allein auf dem Bauernstand.
Der Adel war, wie gesagt, von dieser drückendsten Steuer unberührt gelassen,und auch die Geistlichkeit hatte sich von derselben fernzuhalten gewußt. Als Korpo-ration mit Versammlungen konnte sie mit dem Könige unterhandeln, sich los-kaufen, die Einschätzung durch andere vermeiden, sich selbst einschätzen und geltend-machen, daß ihre Zahlungen nicht obligatorisch, sondern freiwillige Geschenkeseien. Dafür gab man ihr eine Menge Vorrechte; sie setzte ihre „freiwilligenGaben" (äou Aratuit) oft herab, oft leistete sie dieselben gar nicht; in allenFällen aber beschränkte sie diese auf 16 Millionen für jeden Zeitraum von5 Jahren. Unter den indirekten Steuern wirkte die Salzsteuer wie eine Salpt-nerKopfsteuer, d. h. sie drückte den Armen unverhältnismäßig schwerer als den