740 Neuntes Buch: Die Zeit der neuen Weltpolitik und Weltwirtschaft. 8
in England, Schottland, Tirol und endlich in Sän Remo an der Riviera brachte»die gewünschte Genesung. Als dann nach einer erneuten Untersuchung der deutschen Artsich das Übel als ein krebsartiges herausstellte, der Kronprinz aber die ihm geratene En'sernung des Kehlkopses ablehnte, mußte doch, als der Kranke an Erstickungsanfällen tleiden begann, von dem deutschen Arzt l>r. Bramann, den der Berliner Professor v- Berö'g. F-br. 1888 mann für diesen Fall nach Sän Remo geschickt hatte, der Luftröhrenschnitt vorgenommnwerden. Der Kronprinz konnte nun wohl wieder atmen, aber nicht mehr sprechen.diese Qualen ertrug er mit der gewohnten Seelenstärke, Ruhe und Milde.
9*Msr? bis Sofort auf die Nachricht vom Tode des Vaters trat der Kronprinz15 . Juni 1888 der den Namen Friedrich III. annahm, die Reise nach Berlin an.
10. März Genua sprach ihm König HumLert im Namen Italiens das Beileid aus, l"
11 . März Leipzig erwartete ihn Fürst Bismarck mit sämtlichen Ministern. 2m
12. März erschienen eine Proklamation „An mein Volk" und ein Erlaß ""den Fürsten Bismarck, „den treuen und mutvollen Ratgeber, der den Ziele"der Politik Kaiser Wilhelms die Form gegeben und deren erfolgreich^Durchführung gesichert" habe. Der Erlaß enthielt die Gesichtspunkte'die für die Haltung seiner Regierung maßgebend sein sollten: Befestign"^und gewissenhafte Beobachtung der Verfassungs- und Rechtsordnungen desReiches und Preußens, die ungeschwächte Erhaltung der Wehrkraft, vollereligiöse Duldung aller Bekenntnisse, wirtschaftliche Förderung allerKlassen, soziale Fürsorge, Sparsamkeit, Pflege von Wissenschaft u"Kunst. Das Verhältnis zu Bismarck blieb gut, obwohl anfangs bei bei"Widerstände des Reichskanzlers gegen die von der Kaiserin Viktoria ge*"gesehene Verlobung ihrer Tochter Viktoria mit dem Prinzen Alexandevon Battenberg, dem früheren Fürsten von Bulgarien (Z 339), d)Bismarck aus Rücksicht auf Rußland widerriet, in einer Kanzlerkrisis oZerwürfnis zu drohen schien. (Die Prinzessin Viktoria vermählte sich lbllmit dem Prinzen Adolf von Schaumburg-Lippe; Prinz Alexander aveheiratete 1891 die Kammersängerin Loisinger, trat als Oberst in die öst^reichische Armee ein und starb schon 1893 in Graz.) Kurz vor seines21. Mai 1888 Tode konnte Kaiser Friedrich noch der Vermählung seines zweiten Sohnesdes Prinzen Heinrich, mit der Prinzessin Irene von Hessen-Darmst"^is.Junii888 beiwohnen, dann ging der „königliche Dulder" nach 99tägiger RegiernEzur ewigen Ruhe ein.
Wilhelm ii. Ihm folgte sein ältester Sohn als Kaiser Wilhelm II-, seit
mit der Tochter des Herzogs Friedrich von Schleswig-Holstein, AugEViktoria, in glücklicher, schon mit vier Knaben gesegneten Ehe vermäll 'Mit großer Spannung sah die ganze Welt dem erst 29 Jahre alten Kauentgegen, von dem man wußte, daß er, ein echter Hohenzoller, dem Heerw^das lebhafteste Interesse entgegenbrachte, daß er, von strengem Pflicht- "Ehrgefühl durchdrungen, von unbeugsamer Festigkeit des Willens, »raschen, unvorhergesehenen Entschlüssen geneigt war, sich auch schon als ^
Verhältniszu Bismarck
seit 15 . Juni1888
Thronrede 4.^4.25 . Juni
Meister der freien Rede gezeigt hatte, und von dem man nun unerwaden Weltfrieden störende Schritte besorgte. Aber allen Kriegsbesürchtungtrat er sofort bei der Eröffnung des Reichstages, wobei ihm ZkvelUzwanzig deutsche Bundesfürsten zur Seite standen, in seiner Thronsentgegen, in der er versprach, soviel an ihm läge, den Frieden Z" ^wahren und dieselben Bahnen einzuschlagen, auf denen sein Großvaters ,die Liebe des deutschen Volkes, das Vertrauen der Bundesgenossen undAnerkennung des Auslandes erworben habe, und daß er entschlossen 1 'Frieden zu halten mit jedermann, wenn der Krieg nicht eine durch