Band 
Erster Band.
Seite
553
JPEG-Download
 

8 284. Fünftes Kapitel: Das römische Kaisertum (30 v. Chr. bis 395 n. Chr.). 553

wie er vorher ein grollender Gegner der neuen Regierungsform gewesen war.

Nicht zum Vorteil freilich gereichte es ihm, daß auch eine Menge begabteFreigelassene (Narcissus, Pallas) bei ihm Zutritt fanden. Der Senat behieltzwar einige formale Rechte, aber Einfluß auf das öffentliche Leben nur soviel, wie ihm zu gewähren im Interesse oder in der Neigung der einzelnen Kaiserlag. Seine eigentliche Bedeutung lag darin, daß er die Durchgangsstelle unddie Bildungsschule für die hohen Beamten des Reichs darstellte. Nach denersten Kriegsdiensten trat der junge vornehme Römer bei ihm ein, um sichfür die höhere Verwaltungslaufbahn vorzubereiten. So bildeten sich Beamtevon hervorragender Geschäftsgewandtheit und großer politischer Klugheit,denen freilich vielfach ein edler Charakter und echter Mannesmut fehlte. —

Eine ähnlich, Ergänzung fand der Ritt er stand, aus dem sich hinfort die RUter,chastRichter und Rechtsgelehrten rekrutierten. Das Volk vollends, durch Getreide-und Geldspenden an die Großmut der Herrscher gekettet, hatte hinfort allenpolitischen Einfluß verloren und war nur zu bereit, blind zu gehorchen, wennnur für seinen Unterhalt und sein Vergnügen gesorgt ward.

Die Beamtenschaft der Republik war nicht zahlreich gewesen, und unterden Kaisern ward es auch nicht wesentlich anders. Für Rom blieben die altenrepublikanischen Beamten; neu waren nur der Polizeipräsident, der Garde-general und die „Zwanzigmänner", eine von Augustus begründete juristische Ober-behörde. Für das Reich kamen neu hinzu die 45 Statthalter der Provinzen,die Kommandeure der 30 Legionen, mit denen sich der Staat damals behalf,und dazu eine Anzahl von Prokuratoren, von denen die Mehrzahl nur dieAufsicht über das Steuerwesen hatte. Diese neuen kaiserlichen Beamten wurdenmit zum Teil sehr stattlichen Gehältern ausgestattet.

Der Mittelpunkt aller Staatsgeschäfte war die Hofburg. Dort wurdezunächst der kaiserliche Fiskus (Z 241) geleitet, dem geniale Finanzmänner, Kanzleiwie z. B. der Freigelassene Claudius Etruskus unter Nero, vorstanden. Dortwar auch die kaiserliche Kanzlei in zwei Abteilungen, einer lateinischen und einergriechischen, an deren Spitze anerkannte Gelehrte, wie z. B. Sueton (H 257), standen.

Ihr lag die Erledigung der Depeschen und Briefe ob. Eine Abzweigung wardas Bureau für Bittschriften, das einen besondern Chef hatte. Auch hier wurdenzahlreiche talentvolle Freigelassene bi» in die höchsten Stellen befördert; sie ge-wannen natürlich einen bedeutenden Einfluß auf den Kaiser und seine Ent-schließungen und haben ihn Wohl nicht immer in der lautersten Weise ausgenutzt.

Die wichtigste Stütze der neuen Regierung war die Armee, die noch unter H-srden Antoninen in der ganzen Welt gefürchtet war. Die Legionen standendamals alle an der Grenze, waren durch eine besondere Rechnungskammerfinanziell selbständig gestellt und von Trajan neu organisiert worden. Wenn-gleich die Soldaten alle römische Bürger sein sollten, waren doch die BewohnerItaliens vom regelmäßigen Kriegsdienst befreit; die Rekrutierung fand nurunter den Provinzialen statt. Jtaliker dienten entweder als Freiwillige oderließen sich in den Kohorten der Prätorianer annehmen. Neben den 6000 Mannstarken Legionen standen ebensoviel „Auxilmren" aus den Reihen der halb-unterthänigen Barbarenstaaten und die entsprechenden Reiter nebst den immersorgfältiger sich durchbildenden Spezialwaffen, so daß eine Legion etwa dermodernen Division an Menge und Mannigfaltigkeit der Bewaffnung entsprach.

Sie waren stets in größern Verbänden vereinigt und lagen in Standlagern,die den Großstädten sorgfältig fern gehalten wurden. Da die Soldaten 20 Jahreunter der Waffe standen und stets, auch in Friedenszeiten, zu sorgfältigemExerzieren und zu großen Arbeiten angehalten wurden (besonders Straßen-,

Brücken- und Kanalbauten), so blieben st: ein großes, stets schlagfertiges Heerund eine furchtbare Waffe in der Hand dessen, der sie zu gebrauchen verstand.

Neben strammer Zucht standen reichlicher Lohn und hohe Ehren, so daß derKriegsdienst nicht für eine beschwerliche Last gehalten ward, man sich vielmehr