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8 23. Drittes Kapitel: Die Anfänge der Reformation.
Wie am Mittelpunkte der Kirche die weltlichen, die finanziellen Interessen das geistliche BischöfeAmt erstickten, so galt Ähnliches auch für die Bischöfe. Gewiß gab es unter ihnen ernsteund tüchtige Männer, indes auch sie waren in die weltlichen Interessen verstrickt undmußten sich schon wegen der nach Rom zu zahlenden Abgaben an ihren Diözesanen schadloshalten. Vielsach aber dienten die Bischofstühle nur als Einnahmequellen für vornehmePrälaten, für die jüngeren Söhne fürstlicher Familien, vielfach wurden mehrere Bistümerin eine Hand gegeben; dann lebten die Bischöfe im Guten und im Bösen als große Herrenund überließen ihre geistlichen Funktionen untergeordneten Organen. Auch die höherenGeistlichen der Domkirchen, die Mitglieder der Kapitel, gingen zumeist aus dem Adel hervorund lebten wie ihre weltlichen Standesgenossen. Dabei waren, wie schon gesagt, dieBischöfe in Spanien, Frankreich und England im ganzen dem Papste gegenüber verhältms-müßig selbständig, hegten die episkopalen gegen die papalen Ideen (II, 8 222) und vertratenauch nationale Interessen; hier verdankten die Bischöfe ihre Ernennung mehr dem Staateals der Kurie; dazu durften in diesen Ländern päpstliche Erlasse nur mit königlicher Ge-nehmigung (Placet) veröffentlicht werden- Abhängiger vom Papste waren die deutscheKirche und die deutschen Bischöfe; die immer wiederholten Beschwerden (Gravamina) derdeutschen Nation gegen den päpstlichen Hos gewannen keine Praktische Bedeutung; nur dieLandesherren waren nicht ohne Erfolg bemüht, ihren Einfluß in kirchlichen Dingen zusteigern, z. B. in Brandenburg und Sachsen betreffs der Besetzung der nicht reichsunmittel-baren Bistümer. Wo es unvermeidlich war, ließ man in Rom eben, wie bei KaiserFriedrich III. (II, 8 318) nnd den westeuropäischen Höfen, die Fürsten teilnehmen an denVorteilen des ganzen Systems.
So übten auch auf die Einsetzung der Pfarrer neben den kirchlichen Instanzen die PfarrerLandesherren und der Adel kraft staatlicher, grundherrlicher und Vogteirechte maßgebendenEinfluß. Unter diesen Pfarrern, die durch eine weite Kluft von der hohen Geistlichkeit ge-trennt waren, gab es tüchtige Männer; aber sehr viele entsprachen weder in ihrer geistigenBildung noch in ihrer sittlichen Führung den Anforderungen ihres Amtes. Vielfach warensie für ihr Amt gar nicht vorgebildet (es wird von durch ein Pfarramt versorgten Köchen,Stallknechten, Spaßmachern hoher Prälaten gesprochen), vielfach mußten sie wegen ihrer ge-ringen Einkünfte darauf denken, Geld aus den geistlichen Funktionen (Taufe, Ablaß, Begräb-nis usw.) herauszuschlagen; es wurden Pfründen in einer Hand gehäuft, mit denen derInhaber Handel trieb; es wurde den Pfarrern das Herumtreiben in den Schenken vorge-worfen, und besonders verhängnisvoll wirkte die widernatürliche Ehelosigkeit; sie führte zumKonkubinat, und vielfach wurde dieses sogar von den Gemeindemitgliedcrn gern gesehen zumSchutz ihrer Frauen und Töchter. Die Literatur (Narrenschiff, Reinecke Fuchs, Geiler vonKaisersberg, II, 8 266) ist voll von Klagen über die Geistlichen. Dazu kam, daß die geord-nete Seelsorge und Pfarrverwaltung gestört wurde durch das Eingreifen der Bettelmönche,die das Recht hatten, überall Messe zu lesen, Beichte zu hören und Ablaß zu erteilen. Be-sonders beliebt beim Volke waren die Minoriten: ihnen vertraute man, zumal wenn sie vonOrt zu Ort zogen, lieber bedenkliche Beichtgeheimnisse an als dem ortsansässigen Pfarrer.
Dabei waren freilich auch die Mönche aller Orden zum guten Teil ungebildete Mönch«Leute; auch ihr Leben entsprach den Regeln in sittlicher Beziehung nicht; die Klöster,namentlich auch die Nonnenklöster, galten als Stätten der Unzucht. Das Klosterwesenverfiel m Mißachtung, Mönche und Nonnen wurden in der satirischen Literatur scharf an-gegriffen, aber auch hier galt schließlich die Scheidung don Amt und Person. Daß mandie Notwendigkeit der Besserung erkannte, geht aus den Reformversuchen des 15. Jahr-hunderts hervor, in denen man zum Teil mit Hilfe der weltlichen Gewalt eine Erneuerungdes Klosterlebens, eine Rückkehr zu der alten Siegel erstrebte. Dahin gehört die im Bene-diktinerorden entstandene Bursfelder Kongregation, die vom Kloster Bnrsfelde an derWeser ausging, die Kongregation der Observanten im Dominikaner- und Franziskanerorden,hier vor allem gefördert durch den hochgefeierten Bußprediger Bernhardin von Siena und ^ 1444den eifrigen Prediger des Türkenkrieges Johann von Capistrano, sowie die Kongregation 1-1456der Augustiner-Eremiten. Heilsam wirkte die Tätigkeit ernster Abte, wie des Trithemiusvon Spanheim, und mehrfach wurden verlotterte Nonnen und Mönche ausgetrieben unddurch reformierte ersetzt; auch die Brüder vom gemeinsamen Leben (II, 8 505) und Savonarola
H 325) sind hier zu nennen. Aber das blieb doch im ganzen nur vereinzelt und bewegtestch im Rahmen der bisherigen Anschauungen über das Klosterwesen und seine Ideale.
Innerhalb des Staates bildeten dabei dieGcistlichen eine Organisation für sich:tur das Kirchengnt nahmen sie Steuerfreiheit in Anspruch, für ihre Person aber waren sie Staatsm staatlichen Gerichten entzogen und unterstanden nur den geistlichen. Ja diese geistlichenberichte griffen vielfach in die staatliche Sphäre hinüber, da ja jeder Staatsuntcrtan zu-