Band 
Dritter Band.
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66 Erstes Buch: Das Zeitalter der Entdeckungen und der Reformation. § 39.

widerrechtlich eingezogenen Gemeindewiesen und Gemeindeäcker (4, 5, 10), feste Regelung derFrondienste und Zinsen (6, 7, 8), Beseitigung der willkürlichen Strafen (9), Aufhebung desTodfalles (11, vgl. §32), Prüfung dieser und anderer Beschwerden nach Gottes Wort (12).Diese Forderungen müssen als durchaus gemäßigt bezeichnet werden und werden auch insehr gemäßigter Form vorgetragen. Die neuere Forschung sieht denn auch in den 12 Artikelnnicht mehr ein Agitationsprogramm, das die Massen aufreizen sollte, sondern eine Recht-fertigungsschrift, bestimmt, die Forderungen der Bauern als mit dem göttlichen Wort über-einstimmend zu bezeichnen und so christlich zu entschuldigen. Sie sind eine Privatarbeit,und zwar hat der Verfasser die überall ausgesprochenen Wünsche der Bauern formuliert,religiös eingekleidet und Wohl die einzige rein-religiöse Forderung (Pfarrerwahl) hinzugefügt.Wer dieser Verfasser oder Bearbeiter ist, steht nicht mit voller Sicherheit fest; die größteWahrscheinlichkeit spricht für den genannten Waldshuter Prediger Balthasar Hubmaier;sonst hat man noch u. a. an Christoph Schappeler, Prediger in Memmingen, und bestenSchüler, den Kürschner Sebastian Lotzer, gedacht, früher auch an den pfalzgrüflichen KanzlerFuchssteiner. Waren die zwölf Artikel also zunächst eine Entschuldigungsschrift, so haben siebei ihrer Annahme durch die Bauern und durch ihre schnelle Verbreitung allerdings die Be-deutung eines Aufruhr-Manifestes gewonnen.

8 39. b) Erfolge der Bauern. Nunmehr haben die zwölf Artikel,zum „Manifest des gemeinen Mannes" geworden, wesentlich dazu beige-tragen, daß der Aufstand immer weiter um sich griff. Die Bauern imOdenwald, am Neckar und in Franken folgten dem Beispiele desOberlandes unter Leitung des verwegenen Wirts Georg Metzler vonBallenberg und des Ritters FlorianGeyer. Sie zwangen die Grafen vonHohenlohe, Löwenstein, Wertheim, die Vorsteher des Deutschen Ordens inMergentheim u. a., die Artikel anzunehmen und ihren Untertanen die ge-forderten Rechte zu gestatten; dabei durchzogen sie sengend und brennend dasLand, zerstörten Klöster und Burgen und nahmen blutige Rache an ihrenWidersachern. Hierin brach der langverhaltene Groll mit furchtbarem Un-gestüm in entsetzlichen Greueltaten durch; so starb z. B. der Graf von Helfen-stein, der Weinsberg tapfer verteidigt hatte, trotz der flehenden Bitten seinerGemahlin eines martervollen Todes durch Gassenlaufen. Ritter Götz vonBerlichingen mit der eisernen Hand, der (Wohl nicht ganz freiwillig)Hauptmann geworden war, führte einige Haufen ins Würzburgische, währendandre Scharen in den badischen Landen hausten, den Markgrafen Ernst,der auf ihre Forderungen nicht einging, verjagten und seine Schlösserbrachen. Bald erstreckte sich der Aufstand über das ganze südwestlicheDeutschland; viele geistliche und weltliche Herren bewilligten die Forderungender empörten Bauern, der Kurfürst von der Pfalz ging einen Vertragmit ihnen ein, die kleinen Städte schloffen sich ihnen an, und selbst inden größeren zeigten sich Gärungen verwandter Art. Die errungenenErfolge zeitigten immer größere Pläne: in Heilbronn berieten dieLeiter des Aufruhrs über eine großartig gedachte gänzliche Umgestaltungdes Reichs in politischer und kirchlicher Beziehung; gegen das Landes-fürstentum gerichtet, hätte sie einen deutschen Einheitsstaat mit starkemKönigtum bringen müssen: die Bauern nahmen hier die langgeplante Reichs-reform in die Hand, machten Vorschläge zugunsten des armen Mannesund sahen dabei ihr Heil in einer kräftigen Zentralgewalt (§ 32).

Der Heilbronner Reformentwurf ruht auf einer 1523 erschienenen Flugschrift(der sogenannten Reformation Friedrichs III., die aber mit diesem Kaiser nichts zu tun hat)und ist von Wendelin Hipler, einem entlassenen hohenlohifchen Beamten, bearbeitet; zu-gleich lagen ganz ähnliche Vorschläge von Friedrich Weigand aus Wittenberg vor. DieGrundgedanken sind folgende: das Kirchengut sollte säkularisiert, die Geistlichen auf „ziem-liche" (d. h. geziemende) Notdurft gesetzt und der Überschuß für die Armen und zu gemeinemNutzen verwandt werden, die Feudallasten sollten fallen, d. h. wohl abgelöst werden durch