Band 
Dritter Band.
Seite
77
JPEG-Download
 

r

1529

8 49, 50. Viertes Kapitel: Weltpolitik Karls V. u. Fortg. d. Reformation (1521-1545). 77

Wäre schon jetzt ein Verteidigungsbund zwischen den protestierenden Fürstenund Städten abgeschlossen worden, hätten nicht Luther und die evangelischenTheologen „in großartiger Gewissenhaftigkeit" den Grundsatz vorn leidendenGehorsam gegen die Obrigkeit ausgestellt, jede Benutzung des göttlichenWorts durch weltliche Waffen verworfen und eine Verbindung mit denAnhängern Zwinglis, dessen Ansichten in mehreren süddeutschen StädtenEingang gefunden hatten, widerraten.

8 49. Das Religionsgespräch zu Marburg, die Spaltung zwischender deutschen und schweizerischen Reformation. Leider hatte nämlich Lu.h°rs^ddie verschiedene Auffassung der Abendmahlslehre eine Entzweiung MischenZwingli und Luther bewirkt. Luther verwarf wie Zwingli die scholastischeTranssubstantiationslehre, hielt aber in mystischem Tiessinn an einer leib-lichen Gegenwart Christi bei der heiligen Handlung fest. Er beharrte beidem Wortsinn der Einsetzungsworte: „das ist mein Leib" und erklärtesich entschieden gegen Zwinglis Auffassung, der sie durch: „das bedeutetmeinen Leib" erklärte und das Abendmahl nur als Gedächtnismahl auf-faßte (tz 30). Daß eine Feindschaft beider informatorischen Bewegungennur den gemeinschaftlichen Gegnern zustatten kommen würde, erkannteam klarsten Philipp von Hessen; er hielt eine Spaltung für um so ge-fährlicher, je entschiedener der Kaiser zur Unterdrückung der Ketzer vor-zugehen schien. Deshalb versuchte er eine Vereinigung herbeizuführen und Mächveranstaltete ein Religionsgespräch zu Marburg zwischen Luther ^O»und Melanchthon einerseits, Zwingli und Okolampadius andrerseits.

Obgleich man über eine Reihe Punkte sich verständigte, scheiterte doch dieVereinigung an der Abendmahlslehre. Luther hatte mit Kreide vor sichauf den Tisch die Worte geschrieben: „Das ist mein Leib", ließ sich durchnichts von ihrer buchstäblichen Deutung abbringen und stieß mit denWorten: „Ihr habt einen andern Geist als wir!" die Bruderhand zurück,die Zwingli unter Tränen darreichte. Das war politisch unklug undunheilvoll, aber Luthers Kraft lag eben in der unerschütterlichen llber-zeugungstreue, die sich durch keine Rücksichten beirren ließ; sie gab ihmden Mut zum Widerstände gegen Papst und Kaiser, sie wurde hier zumStarrsinn gegen abweichende Freunde. Dazu aber kam seine seit demBauernkrieg wachsende Besorgnis vor allen radikalen Strömungen, zudenen er mit Unrecht auch Zwinglis Reformation rechnete. Er faßte seineAnschauungen in den sogenannten Schwabacher Artikeln zusammenund widerriet nun. wie gesagt (8 48), auch die Politische Verbindung mitden süddeutschen Städten, die diese Artikel nicht annahmen. Das Verhäng-nisvolle dieser Spaltung zeigte sich schon aus dem nächsten Reichstage.

,. 8 50. Die Augsburger Konfession (1530). Inzwischen wandelte sich

die Politische Lage noch mehr zuungunsten der Evangelischen. Der Friede 1530von Cambrai zwischen Karl V. und Franz I. war geschlossen (8 42), dieTürkengefahr mit Hilfe der Evangelischen beseitigt (8 43), in Bolognawurde die Freundschaft Karls mit dem Papst durch die Kaiserkrönungbesiegelt (8 42). Von Bologna kam Karl nun zur Eröffnung des nachAugsburg ausgeschriebenen Reichstags über die Alpen, entschlossen, dievon der Kirche Abgefallenen trotz ihrer eben geleisteten Dienste entwederdurch Milde zu ihr zurückzuführen oder durch Gewalt zu unterdrücken.

Auf Veranlassung des Kaisers reichten die Lutheraner alsbald in lateini- ss. Junischer und deutscher Sprache ihre von Melanchthon verfaßte und von Luther