86 Erstes Buch: Das Zeitalter der Entdeckungen und der Reformation. Z 57.
EAgMai bei Laufen amNeckar und gab das mit leichter Mühe eroberte Herzog-tum dem rechtmäßigen Gebieter zurück. Ferdinand, der umsonst denPapst um Hilfsgelder angegangen hatte (Z 54), mußte in dem Vertrag2 s. Juni von Kaaden das Geschehene gutheißen; es war dabei ohne praktische Be-deutung, daß Württemberg österreichisches Lehn sein sollte, denn es behieltSitz und Stimme auf dem Reichstage.
der^Rsfor- In kurzem wurde nun in ganz Württemberg die Kirche umgewandelt,mation Das Evangelium, dessen Trost Ulrich im Unglück empfunden, wurde dem Volke,das während der österreichischen Landesverwaltung den früheren Druck vergessenhatte und dem angestammten Herrscher freudig entgegenkam, durch JohannesBrenz und Erhard Schnepf im lutherischen Sinn mitgeteilt. Die einge-zogenen Kirchengüter dienten zur Errichtung der trefflichen Stiftsschulen, und dievon Graf Eberhard im Bart im Jahre 1477 gegründete Universität T ü b i n g e nwurde eine der vornehmsten Pflanzstätten der protestantischen Gelehrsamkeit.Bald fand auch in andern Gegenden des Oberlandes, wo der Schwäbische Bundbisher die evangelischen Regungen niedergehalten hatte, die Reformation Eingang.Markgraf Bernhard von Baden, mehrere grundherrliche Familien und Reichs-städte sowie ein Teil des Elsasses traten der neuen Kirche bei.
W>°d-rtiiuf°r 8 57. Die Wiedertäufer in Münster (1534—1535). Während dieReformation in Süddeutschland einen großen Erfolg gewann, machte sie,begünstigt durch die für den Kaiser schwierige europäische Lage (8 54),auch sonst Fortschritte: so in Pommern, wo Bugenhagen (§ 46) als Re-formator wirkte, und in Westfalen. Da wurde die ruhige Entwicklung leiderwieder einmal durch die ihr anhaftenden radikalen Elemente gestört. Siehatten in Wittenberg vor Luther weichen müssen (ß 35), waren im Bauern-kriege dem Heere der Fürsten erlegen (§ 40); aber ihre durch Flüchtlingeinsgeheim fortgepflanzten Lehren tauchten in verschiedenen Fassungen immerwieder auf, so sehr sie auch von jeder Obrigkeit verfolgt und von deut-schen und Schweizer Reformatoren bekämpft wurden. Ein berechtigterKern steckte ja in diesen Bestrebungen, aber der kam vor den schwärme-rischen Auswüchsen nicht zur Geltung. Zum Unheil des deutschen Pro-testantismus erlangten nun gerade die extremen Wiedertäuferischen Rich-tungen die volle Herrschaft in der alten Bischofsstadt Münster.
Münster Hier wie in andern Städten Westfalens (z. B. Soest) hatte die von demBürgerstand geforderte, vom Adel und Klerus bekämpfte Reformation gewaltsami 53 s gesiegt. Der Bischof Franz von Waldeck war mit den Domherren vertrieben undnur gegen das Versprechen, die freie Predigt des Evangeliums hinfort nicht hindernzu wollen, wieder zugelassen worden. Bald aber zeigte es sich, daß der einfluß-reichste evangelische Prediger der Stadt, Bernhard Rottmann, wiedertäuferischeAbsichten hegte. Umsonst widerstrebten ihm die Gemäßigten im Rat und in derBürgerschaft, er stützte sich auf die unteren Volksschichten und zog Prediger ausden Niederlanden herbei, wo die wiedertäuferischen Lehren in dem zahl-reichen Gewerbestand einen fruchtbaren Boden gefunden hatten. Als der begabteProphet Johann Matthys, früher Bäcker in Leiden, und sein Jünger, derSchneider Johann Bockelson (genannt Johann vonLeiden) in Münstererschienen, erlangten die Wiedertäufer bald so sehr das Übergewicht, daß sie diestädtische Verwaltung stürzten, den Rat und alle Ämter mit ihren Gesinnungs-
Febr, 1534 genossen besetzten und endlich, von Fanatismus und Habsucht getrieben, ihre dieWiedertaufe verwerfenden Mitbürger mitten im Winter hilflos aus der Stadtjagten und deren Habe unter sich teilten. Nun errichteten sie ein religiös-sozialistisches Gemeinwesen: Matthys besaß die unumschränkte Gewalt, führteGütergemeinschaft ein, sandte Propheten aus und leitete die Verteidigung der