8 61. Fünftes Kapitel:sKarls V. Kampf gegen „Ketzer und Rebellen". 93
Wie weit war er entfernt von der rigorosen Auffassung eines Calvin, dem jede irdischeFreude, jede Weltlust als Sünde erschien. Luther hat im Volk den Sinn für unschuldig-Vergnügungen, für harmlose, selbst mutwillige Spiele geduldet, er hat sür die KunstEmpfänglichkeit gehabt, er hat die Musik geübt und in den Dienst der Religion gezogen,er hat die Poesie »-fördert und das deutsche Kirchenlied ins Dasein gerufen, er hat zurFabeldichtung ermuntert, der Entwicklung des Volksschauspiels auf antiker Grundlage dasWort geredet: er war der Vteinnng, dass das Gute und Göttliche in den mannigfachstenFormen zur Erscheinung komme." Seine bedeutendste Tat aber ist, daß er den deutschenGeist von den römischen Fesselnbesreite, und weil er seine persönliche Überzeugungaller Autorität entgegensetzte, ist er der Bannerträger der geistigen Freiheit geworden, hater der modernen Wissenschaft und der modernen Bildung die Bahn geöffnet. Das bleibtbestehen, obgleich er beim Aufbau seiner Kirche im Ausschluß verwandter Richtungen eng-herzig wurde: im Festhalten an dem für recht Erkannten beruhte eben seine Kraft.
Fünftes Kapitel.
Karls V. Kampf gegen „Ketzer und Rebellen".
Höhepunkt der Macht des Raisers.
1. Der Schmalkaldische Krieg.
8 81. Vorbttck. Karls Bündnisse. Fünfundzwanzig Jahre hatte Zi-i- n--risKarl V. sein Verhalten gegen die deutschen Protestanten und die deutschenFürsten abhängig gemacht von der jeweiligen europäischen Lage; seinimperialistisches Ziel, sein Weltkampf gegen Franzosen und Türken standihm an erster Stelle (ß 31, 33). Nach dem Frieden von Creph wandte ersich vorwiegend den deutschen Fragen zu; zwei Ziele galt es hier in einszu erreichen: die Niederwerfung der „Ketzer und Rebellen", d. i. d e sProtestantismus und der Fürstenmacht. Beides hing eng zu-sammen, da der Protestantismus seine Stütze in der fürstlichen Selb-ständigkeit fand und diese umgekehrt durch den Protestantismus und zwarnicht bloß wegen der Ausbildung der evangelischen Landeskirchen eine be-deutende Stärkung erfuhr. Gelang der Sieg, so mußte das nicht alleinder alten Kirche zugute kommen, sondern auch der kaiserlichen Zentralgewalt.
Drese beiden Seiten des ausbrechenden Kampfes muß man von vornherein
nn Äuge behalten, wenn man seinen Verlauf verstehen will. Dazu aberkommt noch ein drittes. "" '
Protestan-
tismus
Papsttum
ovuunr nocy ein drittes. Mußten sich die Protestanten dem vom Papstedoch nur ungern berufenen Konzil unterwerfen, so konnte dieses benutztwerden, um die kaiserliche Macht auch über die päpstliche zu
erheben. Tnent°r
Wenige Monate vor Luthers Tod war das von Paul III. ^chTrient in Tirol berufene allgemeine Konzil eröffnet Worden. DieProtestanten hatten auf dem im Frühjahr desselben Jahres zu Wormsabgehaltenen Reichstage dieses unter dem Einfluß des PapstesKonzil als unfrei verworfen und forderten auf Grund der Speierer Z -sage (tz 60) eine Kirchenversammlung deutscher Nation. Der Kaisernun zum Kriege entschlossen und wurde darin bestärkt durch wertere k^s gder Evangelischen. Die Schmalkaldner besiegten den Herzog H^nrich _Braunschweig, der sein Land zurückzuerobern versuchte, zum ^werten 1und machten Miene, für den Kölner Erzbischof (8 60), gegen dender Prozeß eingeleitet war, einzutreten ; dazu siegte das unter
Anlässe desKrieges