120 Erstes Buch: Das Zeitalter der Entdeckungen und der Reformation. Z 82.
Pole, der gelehrte Verfechter des päpstlichen Primats und Todfeind Heinrichs VIII.(8 78), als päpstlicher Legat zugelassen, beschloß das Parlament die Unterord-nung u n t e r R o m. Nun wurden die Ketzergesetze erneuert, nun loderten wieder dieiss5 Scheiterhaufen; auch Cranmer und seine eifrigsten Gefährten, Ridley und Latimer,starben in den Flammen, die Gesamtzahl der Opfer wird auf 288 angegeben.Dazu aber zogen Scharen von Flüchtigen über das Meer und suchten Schutz beiden Glaubensgenossen in Holland, Friesland, Deutschland (Straßburg und Frank-furt), Genf und der deutschen Schweiz. Schließlich wurde auch das der Kroneverliehene Kirchengut zurückgegeben, und nur den Edelleuten das ihrige gelassen,damit sie nicht die ganze kirchliche Restauration hintertrieben.
Maria selbst freilich wurde ihres Sieges nicht froh. Ihre Hoffnung,dem Lande einen katholischen Thronfolger zu geben, erfüllte sich nicht;ihr Gemahl zeigte ihr immer deutlicher seine Abneigung und verließEngland; in dem Kriege gegen Frankreich, in den sie durch ihre spanischeHeirat verwickelt wurde (8 118), ging die wichtige Seestadt Calais, derletzte Rest der glorreichen Eroberungen des 15. Jahrhunderts (II, Z 350),
n.N°«.w 58 verloren. In Schwermut und Menschenhaß ist Maria gestorben. IhrSchreckensregiment hat ihr den Beinamen der Blutigen zugezogen; derenglische Protestantismus aber ist aus der grausamen Verfolgung nichtgeschwächt, sondern gerade gestärkt hervorgegangen: in jenen Leidenstagenwurzelt der Haß der Engländer gegen das Papsttum.
isW-isoz § 82. Die Neugründung der anglikanischen Kirche. Die großeMehrheit des englischen Volkes war, wenn auch nicht protestantisch,so doch antipäpstlich gesinnt und begrüßte den Tod der Maria mitFreude, die Thronbesteigung ihrer Schwester Elisabeth mit Jubel.Als Tochter der unglücklichen Anna Bolehn (H 78) vom Vater zeitweiligals illegitim behandelt, von der Schwester mit Argwohn beobachtet, hatteElisabeth eine freudenleere Jugend verlebt, aber durch ernste Studieneinen männlichen Geist gewonnen. Sie vermochte es, ihre Regierung zueiner der glanzvollsten der englischen Geschichte zu gestalten, trefflich be-raten durch den großen Staatsmann William Cecil, der 1571 zumLord Burleigh erhoben wurde (ß 150 ff.).
Den von der vorigen Regierung verschuldeten Verlust von Calaiskonnte Elisabeth nicht hindern, aber sie löste sich von dieser Politik, indemsie die Werbung Philipps II. ablehnte, ohne freilich mit ihm zu brechen(8 151). Als dann der Papst nicht sie, die aus ungültiger Ehe entsprossensei, sondern Maria Stuart als rechtmäßige Erbin des englischen Thronesbezeichnete (Stammbaum 3), da lenkte Elisabeth entschieden in antipäpst-liche, wenn auch noch nicht in antispanische Bahnen ein. Im Einvernehmenmit dem Parlament wurden die Maßnahmen Marias aufgehoben, der1558 Suprematseid von neuem verlangt und durch die Gleichförmigkeitsaktedas etwas umgestaltete Common-Prayerbook wieder eingeführt; endlichWurde in den „39 Artikeln", zu denen die 42 Artikel Eduards VI. um-gearbeitet wurden, das neue Glaubensbekenntnis aufgestellt. Eine AnzahlGeistliche, die sich nicht fügen wollten, verloren ihre Stellen, aber blutigeVerfolgungen traten nicht ein- Damit war die anglikanische Kircheendgültig begründet; sie wurde 1560 auch in Irland wieder eingeführt,doch war der Erfolg nicht größer als früher: der Katholizismus bestandfast ungebrochen fort.