Neuntes Kapitel: Literatur und Kunst (bis 1555).
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1523 in der Wittenbergisch Nachtigall Luthers Auftreten als den Anbruch einesneuen Tages, aber er stimmte nicht ein in das leidenschaftliche Gezeter der himmelstürmendenNeuerer und sprach in der Klag rede über Luthers Tod seine Mißbilligung aus über dieStreitereien der Theologen und über die „Maulchristen"; er tadelte die Mißwirtschaft imReiche, geißelte das Gebaren der Römlinge und Rechtsgelehrten, die Eintracht und Gemein-sinn untergrüben, strafte auch die Selbstsucht der oberen Stände als die Hauptquelle desVerfalles deutscher Macht (vgl- unten Satire), aber er schrieb keine geharnischten Redenund Aufrufe voll Feuer und Heftigkeit wie Hütten (ß 22) und verlor ine seine Stellungals bürgerlicher Dichter und Handwerker aus den Augen. Der Belehrung und Besserungseiner Standesgenossen gilt sein Streben vor allem. Er stellt eheliche Treue, Nächstenliebeund häusliche Tugend als Grundlagen jedes bürgerlichen Glückes dar; er eifert gegen Eigen-nutz, Neid und Selbstsucht als die Quellen alles Unheils und preist Einfachheit, Ruhe undZufriedenheit als Gegensätze zur herrschenden Hoffart und Erwerbsucht. Als Fundstättender Belehrung dienten ihm Übersetzungen alter Schriftsteller und die Bibel, deren Verständniser dem Bürgerstande erschloß. In volkstümlichen Erzählungen legte er den Zeitgenossendie kräftigen Züge von Freundschaft, Vaterlandsliebe, Bürgertugend und Seelenadel derGriechen und Römer aus Herz und an die Geschichten und Gleichnisse der Bibel knüpfte erPassende Lehren fürs Leben. — In seiner späteren Dichtung bildete Hans Sachs mehr diespaßhafte Gattung, Schwanke und Fastnachtspiele, aus und traf so sehr den richtigenTon, daß er der ganzen folgenden Zeit Muster und Borbild wurde. Seine zahlreichenWerke, von denen viele noch ungedruckt sind, setzen durch die Mannigfaltigkeit der Formenin Erstaunen. Die von ihm selbst in drei Foliobänden veranstaltete Ausgabe von 1558bis 1561 enthält Erzählungen aus der Geschichte und Göttersage (über 486),biblische Erzählungen, Legenden und geistliche Betrachtungen (210), Fabeln undSchwanke (286), Psalmen, Meisterlieder, Gespräche, Anekdoten, Allegorien, ver-mischte Gedichte und endlich eine große Anzahl dramatischer Stücke, Tragödien (56),Komödien (68) und Fastnachtspiele (62).
Spätere Zeiten haben den Nürnberger Meister ganz vergessen, so daß erst Thomasius,dann Gottsched und zuletzt Goethe mit „Hans Sachsens poetischer Sendung" sein Andenkenerneuern zu müssen glaubten; anders seine Zeitgenossen. Gerade seinen Liedern auf denKunst- und Zunftgenossen verdankt Adam Pirsch mann aus Görlitz die Namensdauer.
Ein wackerer und einsichtsvoller Mann, wirkte er nach Kräften dem Verfalle der bürger-lichen Kunst mit dem „Gründlichen Berichte deS deutschen Meistersanges" entgegen. DieseSchrift ist noch heute eine beachtenswerte Quelle unserer Kenntnis dieser Dichtung. Zugleicher Hochachtung für die Singschule und ihren größten Meister bekennt sich ein andererSchüler Hans Sachsens, Georg Hager.
Zu einer gewissen Blüte gelangten zwei weitere Zweige der Dichtung, ^*4-"-das Kirchenlied und die Satire, jenes eine Frucht der erneuten Innerlich-keit, diese als entsprechender Ausdruck der kampfeslustigen Zeit mit ihrer scharfenRichtung auf Angriff und Abwehr.
Im Kirchen liebe erklingt die ganze Tonleiter der Empfindungen von sieghafterZuversicht bis zur gottvertrauenden Hilflosigkeit, vom trotzigen Pochen auf den wahrenGlauben bis zur zerknirschten Andacht. Immer aber verleiht die Wahrheit des Gefühlesdieser Gattung im allgemeinen einen höheren, mitunter künstlerisch vollendeten Charakter.
Luther ging auch hier voran. Bald hatte er die tiefreligiöse Bedeutung des Kirchen-gesanges für das menschliche Gemüt erkannt. Ihn machte er, selbst dichterisch und musi-kalisch beanlagt, zum wesentlichen Bestandteile des evangelischen Gottesdienstes. Er über-setzte ältere lateinische Hymnen, bearbeitete Psalmen und dichtete geistliche Lieder, für die erden gedrungenen Ausdruck des mehr im Süden heimischen Volksliedes beibehielt und leichtfaßliche Singweisen teils erfand, teils den Husstten entlehnte. (Vergl. hierzu 8 ISO.» NachLuthers Vorgänge widmeten Scharen von Dichtern und Sängern dem geistlichen Liede ihreKräfte; und während auf Reichstagen und in Religionsgesprächen über die neue Lehre ge-stritten wurde, führte das deutsche Kirchenlied mit seinen schlichten, ernsten ChorälenTausende dem Evangelium zu. In Kirche und Haus, im stillen Kämmerlein und auf derlauten Gasse erschallten Psalmen und fromme Lieder. Ein neuer Volksgesang, nur jetztreligiösen Inhaltes, brach sich Bahn. Die ältesten und kräftigsten Lieder waren Ergüsseaugenblicklicher Stimmung, Gelegenheitsgedichte, die in Ton und Haltung, ja nicht selten
in der Melodie Volkslieder der Zeit nachahmten, wie „O Welt, ich muß dich lassen",
»Herzlich tut mich verlangen", „Ach Gott vom Himmel, sieh darein" u- a. m- Rein per-sönlichen Charakter tragen z. B. Luthers gewaltigstes Lied „Ein feste Burg" und die Ge-