Band 
Dritter Band.
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136
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136 Erstes Buch: Das Zeitalter der Entdeckungen und der Reformation. § 94.

Die ganze Zeit war rauh und feinerer Empfindung bar. Auch Luthers Feuereifer undstarke Überzeugung gaben sich oft in leidenschaftlichen Ausfällen kund, wie gegen Heinrich VIII.(8 46) und Heinrich von Braunschweig (8 60) und in der zornmütigen Flugschrift Widerdie räuberischen und mörderischen Bauern. Wie anders spricht dagegen eindring-licher Ernst in den Sendschreiben An den christlichen Adel deutscher Nation vondes geistlichen Standes Besserung und Von der babylonischen Gefangen-schaft der Kirche (8 29).

Luthers Ton und Art wurden in den zahlreichen Kampfschriften der kirchlichen Par-teien, aber auch in Predigten und Erbauungsbüchern nachgeahmt. Wie sich ferner dieHumanisten zur deutschen Sprache bequemten, ist mehrfach erwähnt. Aber selbst Katholiken,I 48 L^ 1 S 4 S ?- B. der milde und gedankenreiche Bischof von Chiemsee, Bertold, eigentlich Pirstinger,in der Tewtschen Theologei, die er erst später ins Lateinische übersetzte, folgten Luthers14^—1528 Borgang, ebenso schließlich wissenschaftliche Fachschriftsteller, u. a. Albrecht Dürer, auch inder Sprache ein getreuer Anhänger des verehrten Reformators.

Roman Die romanartige Prosaerzählung vertritt Georg Wickra IN mit dem Rollwagenz-^vö?iS 62 (Postkutschen-)büchlein, einer Sammlung „vil guter schwenck und Historien". 1546 grün-dete er in Straßburg eine Singeschule. Neben seinen Erzählungen in Versen verdienengeistliche und Fastnachtspiele genannt zu werden. Unter den Schwanksammlungen ist145 S- 1 LM Schimpf und Ernst des getauften Juden und Franziskaners, Johannes Pauli, nachVolks- Masse und Art des Inhalts besonderer Beachtung wert. — Volksbücher (II, 8 264),bücher wegen ihrer anheimelnden Sprache und Erzählweise bedeutsam, wurden vielfach in Samm-lungen veröffentlicht, so um 1550 von dem Buchdrucker Feyerabend von Frankfurt imBuche der Liebe die vier Haimonskinder, die schöne Magelone, Genoveva, Kaiser Oktavian,Sprich- ^mMd aus Gallien u. a-, sogar schon mit Bilderschmuck, ebenso Chroniken (8 98,3) undWörter Sprichwörter. Die alte Vorliebe unseres Volkes für die Spruchweisheit überdauerteallen Wandel. Selbst der wenig volkfreundliche (8 20) Erasmus durchstöberte die Schriftender Alten nach LUagia (Sprichwörter), wie manch anderer vor und nach ihm. Aus derEyring langen Reihe deutscher Bearbeiter der Spruchweisheit gehören dem 16. Jahrhunderte derSammler Eucharius Eyring an, Sebastian Brant (II, Z 266) als Herausgeber älterer^ colc?*- Sammelwerke, besonders aber der Mitverfasser des Interims (§ 67) Johann Agricola und1498-158« Sebastian Franck mit Schönen weisen herrlichen Cluogreden und Hofsprüch.

3. Die Literatur in den autzerdeutschen Ländern.

Palmieri1- 1475de' Conti-s- 1449Tibaldeo1- 1537Accolti1465—1534

Burleske

Dom.Burchiellos 1448

§ 94. Die Dichtung in Italien. Von den drei großen Nationaldichtern(H, Z 330) war es weniger Dante, an den sich die Dichtung anlehnte,als Petrarca und vor allem Boccaccio. Dante, den letzten Zeitenmannhafter Tatkraft angehörig, war den folgenden Geschlechtern fremd geworden,mehr Gegenstand der Bewunderung als Quell schöpferischer Nachahmung.

Ein Nachhall seiner Art erklingt in 6ittä äi vits, (Stadt des Lebens) von MatteoPalmieri, deren Druck später die Inquisition verbot. Aber auch Petrarcas schöne, durch-sichtige Klarheit schwand zunächst aus der zu leerer Form herabgedrückten und im Wohllauteder Sprache schwelgenden Sonettdichtung bei de' Conti, da Valmontone, Tibaldeo undAccolti, bis das 16. Jahrhundert eine würdigere Nachahmung brachte. So beherrschte Boc-caccio die Zeit, mit ihm die Novelle und volkstümliche S atire. Freilich, spiegelte sich schonin seinen Werken der Verfall des Vaterlandes ab, so machte nach ihm der Niedergang nurgrößere Fortschritte. Unter den mannigfachen Ursachen stehen die Unwahrheit und Un-sittlichkeit der Kirche obenan; beide zerstörten die sittliche Kraft und den Glauben und ent-wickelten als Hauptzüge der Prosa den Spott, die Ironie und die Leichtfertigkeit, Eigen-schaften, durch die allein auch die Dichtung sich nationalen Charakter zu sichern verstand.

Viel Frische und Kühnheit wohnt der Burleske, von kurla — Spaß,Spott, inne, der charakterlosen Dichtart, die kein Mittel verschmäht, ihre Gegen-stände dem Gelächter preiszugeben.

Sie Pflegte vor anderen der ebenso launige wie dreiste Barbier Domenico, derVerse so leicht machte, als hätte er sie gestohlen (alta durabia), daher sein Name Burchiello.Zahlreiche Bänkelsänger vergröberten diese Gattung noch mehr unter lebhaftem Beifalleihrer Landsleute, die den schmutzigen Spottgedichten und boshaften persönlichen Angriffenfreudig Gehör liehen. Neben solchen volkstümlichen Auswüchsen gelangten die gelehrte oderklassische Satire über frostige Nachahmung des Horaz und Juvenal nicht hinaus.