Band 
I. Teil.
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Mittelalter.

Befehl und euren Ruhm nicht geachtet, die Wissenschaften vernach-lässigt und im Wohlleben mit Spiel und Nichtstun und leerem Treibendie Zeit verbracht." Und nach diesem Eingang hob er sein erhabenesHaupt und die nie besiegte Rechte zum Schwur gen Himmel und don-nerte sie so an: „Beim Herren des Himmels! Ich gebe nicht viel aufeuren Adel und euer hübsches Aussehen, wenn auch andere euch deshalbanstaunen mögen; und dessen seid versichert: wenn ihr nicht eiligst eurefrühere Nachlässigkeit durch sorgsame Anstrengung wieder gut macht, sohabt ihr von Karl nie etwas Gutes zu erwarten."

lr) Karls des Großen Bemühung um den Kirchengesang.

Hier scheint es mir passend, etwas zu erzählen, was freilich unserenZeitgenossen schwer werden wird zu glauben, da ich selbst, der ich esschreibe, wegen der großen Abweichungen zwischen unserem und demrömischen Kirchengesang es noch kaum glauben kann; doch man mußder Wahrhaftigkeit unsrer Vater mehr trauen als der Lügenhaftigkeitheutiger Nichtsnutzigkeit. Karl also, unermüdlich im Eifer für den DienstGottes, freute sich, da er sah, daß sein Wunsch erfüllt und in der Kenntnisder Wissenschaften sein Ziel, soweit möglich, erreicht war, aber es machteihm Sorgen, daß noch alle Provinzen, ja alle Gaue und Städte im LobeGottes, nämlich in den Melodien des Kirchengesanges, voneinanderabwichen. Und so bemühte er sich, vom Papste Stephan seligen Ge-dächtnisses, der einst den ganz untüchtigen Frankenkönig Hilderich hatteabsetzen und kahl scheren lassen, ihn selbst aber nach altem Herkommenzur Regierung des Reiches gesalbt hatte, einige im Kirchengesangewohlerfahrene Geistliche zu erlangen. Der Papst billigte sein Begehrenund den von Gott ihm eingegebenen Eifer und schickte nach der Zahlder zwölf Apostel zwölf des Smgens kundige Geistliche vom aposto-lischen Stuhl zu ihm nach Franken. Wenn ich aber bisweilen Frankensage, so meine ich damit alle Länder diesseits der Alpen, denn wie ge-schrieben steht: „Zu der Zeit werden zehn Männer aus allerlei Sprachender Heiden einen jüdischen Mann bei dem Zipfel ergreifen," so dünktensich in jener Zeit wegen der Herrlichkeit des allerglorreichsten Karl Gallierund Aquitanier, Aeduer und Hispaner, Alemannen und Baiovaren nichtwenig geehrt, wenn man sie auch nur mit dem Namen der wilden Fran-ken bezeichnete. Da nun jene Geistlichen Rom verließen, beratschlagtensie — wie denn immer alle Griechen und Römer von Mißgunst wegendes Ruhmes der Franken geplagt wurden —, wie sie den Gesang soverschieden lehren könnten, daß sich Einheit und Harmonie darin nie-mals in dem fremden Lande und Reiche verbreiten möge. Bei ihrerAnkunft wurden sie nun von Karl sehr ehrenvoll empfangen und nachden bedeutendsten Orten verteilt; sie aber bemühten sich, jeder an seinemOrte so verschieden und so verdorben, wie sie sich es nur ausdeuten konnten,zu singen und so auch ihre Schüler zu unterweisen. Da aber der kluge