Band 
I. Teil.
Seite
114
JPEG-Download
 

114

Die Zeit der Reformation und der Religionskriege.

14. Adel, Bürger und Bauern im Zeitalter der Reformation.

Sebastian Franck, Weltbuch, Spiegel und Bildnis des ganzen Erdbodens.Tübingen 1534.

Der Adel, der nach Gottes Ordnung recht edel, eine Furcht undRute der Bösen und eine Schildburg und Zuflucht der Frommen seinsollte, der Witwen und Waisen schützen sollte, ist und tut gerade dasGegenteil. Die die Hunde vor dem Pferch sein sollten, sind vielmehrWölfe und reißen alles mit Gewalt zu sich, was sie nur vermögen, undes wäre not, daß man vor solchen Hütern und Wächtern hütete undwachte, deren Adel ganz und gar von seinem alten Glänze gekommenist. Früher hatte ihr Adel wohl in Tugend seinen Grund, jetzt aberbeweisen sie ihn allein mit Stolz, Pracht, Reichtum, Geburt und Ty-rannei. Und wie sie jedermann fürchtet und haßt, also müssen sie auchfürchten und hassen. Sie haben nur Ohrenkrauer und Heuchler zuFreunden, während sie in Wahrheit so viel Feinde besitzen, als sieKnechte und Untertanen haben.

Nun zeiget zwar der letztvergangene bäuerische Aufruhr genugsam,was für Lust und Freundschaft die Untertanen zu ihren Herren haben,die also mit Gewalt gegen sie verfahren. Die alten Edlen wollten mitWohltat sich die Untertanen willig und gewogen machen, und dies warihre Mauer, dahinter ihre Herrschaft sicher stand. Sie achteten sich auchreich, so sie reiche und wohlhabende Untertanen hätten, die sie allewegemit guter Ordnung, mit gutem Beispiel und guten Gesetzen förderten,auf daß sie immer mehr zu geben hätten. Jetzt aber will man allesmit Gewalt ausrupfen, ja auf einmal nehmen, jetzt will man zum Liebenund zum Geben zwingen, so doch in die Länge nicht bestehen kann;denn die Natur hasset die Nötigung, die Liebe will frei sein, der Willeund das Herz ungezwungen. In Summa, es ist jedermann eingepflanzteine Liebe der Freiheit von dem freien Gott, daß wir lieber wollen ge-führt sein, denn gezogen werden. Darauf haben viele Unedle und Edlewenig acht, sondern fordern heute das, morgen das; mit was für Fug,da fragen sie nicht danach.

Sie treiben keine andere Hantierung als jagen, beizen, trinken,prassen und spielen; sie leben von Renten, Zinsen und Gülten im Über-fluß köstlich. Warum sie es aber nehmen und was sie dafür zu tunschuldig sind, gedenket kaum einer seines Amtes. Und ist ihnen doch dieseMacht, Lasten den Bürgern auf den Hals zu legen und auch nur eineneinzigen Pfennig zu fordern, nicht gegeben zum Nachteil der Untertanen,sondern daß sie verpflichtet sind, zu beffern, wo es not ist; gerade wie demTagelöhner sein Lohn gegeben wird, daß er darum den Tag über schaffe.Also auch diesen; nämlich darum, daß sie Witwen und Waisen vor Ge-walt schützen, dem Armen vor Gewalt zum Rechte helfen und sich um