Haarnadeln- wie sie die Frauen heut benutzen- verglichen hat. Es sind die Merkmaleeiner entwickelten handwerklichen Übung- die ihre Ausdrucksformen gefunden hat-und man muß sich vergegenwärtigen- daß solche Übung am leichtesten in den Werk-stätten gelehrt werden und sich verbreiten konnte. In ihrer Entstehung ist sie Symptomeiner veränderten Vorstellung von derFunktion des Gewandes und seinem körperlichenVolumen. Der Stoss ist schwerer geworden- und seinem Gewichte folgend legt er sichnicht mehr in leichte und spitze Falten- sondern in runde und weicher geschwungeneBäusche- und statt sich rein in der Fläche Zu bewegen- umhüllt er in dichten Lagen denAörper. Das Interesse koncentriert sich auf diesen Aörper selbst und aus seine Be-wegung- und das Gewand- das nicht mehr frei in der Fläche stch breitet- dient derstatuarischen Wirkung der Gestalt.
Ein Blatt mit der zweifachen Darstellung der Verkündigung und der GeburtChristi (Z) hat noch teil an der anmutigen Schwingung der Ronturen- an der gotischenSchlankheit der Proportionen- an der ornamentalen Stilisierung der Haare- aber dieFalten der Gewänder stauen sich schon in dichteren Massen- Vorstellungen körper-hafter Xundung künden sich leise voraus. Man möchte meinen- die gleiche Hand habedie vier Heiligen (4) gezeichnet- die paarweise einander zugewendet- auf einem Blattestehend mit ihren Attributen nebeneinander erscheinen. Es ist die gleiche formelhafteBewältigung der Gewandmassen mit weiteren und engeren Schleisenlinien- mit hän-genden Bogen und langen parallelen und das gleiche Ausschwingen der Stoffe amBoden. Ähnlich ist das Haar in strähnigen Locken ornamental geordnet- ähnlich ge-bildet die Linien von Rinn und Hals und die eng aneinandergelegtenFinger derHände.Aber man wird aus solcher Übereinstimmung nur mit der äußersten Vorsicht bindendeSchlüsse aus die Herkunft aus der gleichen Werkstatt Ziehen dürfen- da viele Iügegemeinsamer Formbildung in dem allgemeinen Ieitcharakter Zureichende Erklärungfinden. Stellt man den Blick nicht so sehr auf die ELnZelelemente als auf die Gesamt-haltung ein- so erweist sich die Möglichkeit verschiedenen Ausdrucks innerhalb derGrenZen gleicher Stilbildung.
Von Zwei Blättern mit der Darstellung des RreuZes-Codes Christi stellt sich daseine in die unmittelbare Nähe jenes Glberges- rückt das andere weit ab in der fastitalienisch anmutenden klassischen Stilisierung. Das eine (6) ist beseelt von gotischerInnigkeit. Maria drängt schmerZbewegt hin Zu dem Sohne- der sich am RreuZe Zu ihr Zuneigen scheint- und Johannes spricht mit leiser Gebärde. Alle Rurven schwingen in dergleichen Melodie. Die schweren faltenreichen Gewänder stauen sich in vielen Schleifen-endungen und langgeZogenen Gsen. Das andere Blatt (l l) gibt gegenüber solcher Be-wegung ganZ gehaltene Xuhe. In strenger Frontalität fügt sich der schmalgestreckteLeichnam des Herrn der Form des RreuZes- an das er geheftet ist. Steil steigen die
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