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VON TIRNOVO UEBER SELVI UND LOVEC NACH SVI§TOV.
22° R. Ich flüchtete mich auf den Balcon, welcher in 213 Meter Seehöhe die ent-zückendste Fernsicht nach dem schneeigen Balkenzuge von Sipka bisKalofcr bot.
Das prächtig gemusterte Balcongitter von Schmiedeeisen gereichte seinemTirnovoer Meister zu hoher Ehre und bildete den schmucksten Theil des kleinenNeubaues in europäischem Style, welchen der speculative Ivanöu seinem sonstecht türkischen, halb verfallenen Han angefiigt hatte. Wie zufrieden könnte derReisende sein, fände er stets im illyrischen Dreiecke solche Unterkunft, wärenEssen und Wein immer so trefflich wie im Han zu Selvi! Der Prophet hat wohlden Weingenuss, aber nicht den der Weintraube verboten. Die moslimschenBewohner der Stadt pflanzen sie mit Vorliebe, da sie sonst wenig zu producirenverstehen. Die östliche nächste Umgebung der im I. Bande bereits geschildertenStadt gleicht einem riesigen Weingarten.
Zwischen rebenbewachsenen Hängen zieht W. von Selvi die Strasse gegenLovec hin, welche ich am 27. Juni Nachmittags einschlug, um auf einem Ab-stecher von der grossen Route zunächst den Punkt des Rusicaeintrittes in dasDefile von Bare festzustellen. Auf dem rechten Flussufer nördlich der Stadt fandich die steilabstürzende Höhe von Kursovo, genannt „Süüt Atschi“, vom Wasser,wie durch Menschenhand mit colossalen Runnen bedeckt. Selten sah ich einsprechenderes Beispiel der langsam wirkenden Gewalt des Neptunismus als andiesem kahlen Hange. Kleinlich erschienen neben diesen unmessbaren Aeusse-rungen der nie ruhenden Naturkraft fünf, vielfach bereits eingesunkene Tumuli,welche links am Wege auftauchten, und noch ärmlicher die kleine Brücke überdas von Akindzilar und Rahova herabkommende Bächlein.
Nach etwa Vl s St. ritten wir die nördliche Hochebene hinan, auf welcherdas rein moslimsche Könnende liegt. Seine Jugend empfing uns mit nicht sehrschmeichelhaften Rufen; einige am Dorfbrunnen beschäftigte Frauen suchtenjedoch durch ernste Mahnungen Ruhe zu schaffen. Indessen war auch meinZaptie Mehmed Ibrahim mit dem Muhtar zurückgekehrt, und sobald dieser überZweck und Dauer meines Aufenthalts verständigt war, eilte er uns nach demMussafirlik zu bringen. Ich überliess die Installation meinem Dragoman, nahmden Dorfzigeuner als Führer, den Zaptie als Schützer gegen allenfallsige inqui-rirungslustige Fanatiker und schlug sofort den Weg zur Rusica ein.
Anfänglich ging es auf steiniger Bahn, dann aber auf prächtigem Waldpfadeweiter, welcher hochansteigend in 2 St. über Gradiste nach Serbia führt. Esdauerte nicht lange und wir hatten einen Punkt erreicht, der einen trefflichenEinblick in das Defile gewährte. Die Stelle lag unfern jener; wo ich das Rusica-tlial am 10. Juni verlassen hatte. So erhielt ich mit erwünschtester Sicherheitdie vervollständigenden Daten für diesen wichtigen Theil des Rusicalaufes. Seineigentliches Steildefile zwischen Körmenöe und Bare beträgt höchstens eine Meile;