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DURCH DAS ISKER-, SKIT-, OOOST- UND PANEGA- GEBIET
Türke „ä la franea“, (las heisst, er hatte das türkische Costüm mit dem schwarz-tuchenen Reformrock, Fes und Lackstiefeln vertauscht, bekannte sich ostensibelals Freund europäischen Fortschritts und gleich sehr als Gegner alles Herkom-mens „ä la turca“. Da Achmed Bei beispielsweise keine türkischen Bücher fand,aus welchen er seinen Wissensdrang über fremde Länder und Völker, über Phy-sik u. s. w. stillen konnte, versuchte er italienisch zu lernen und nahm desshalbeinen italienischen Gärtner in sein Haus, von dem er jedoch nur wenige Worteprofitirte. Nicht viel besser ging es ihm später mit dem Französischen, somitentbehrte er, trotz besten Willens, das unbedingt nothwendige Medium, sich inden Strom „fränkischer“ Bildung zu stürzen. Gleich vielen Reform-Moslims hafteteer an den Aeusserlichkeiten europäischen Wesens, raisonnirte wegwerfend über tür-kische Zustände und Sitten, gestattete seinen Frauen manche Freiheiten, kehrtesich überhaupt wenig an die Koransverbote, tafelte, trank und toastirte mit unsim Beisein seiner Diener, liess sie die Gerichte in Handschuhen ä la franea mitMessern und Gabeln serviren u. s. w. Ob Achmed Bei mittelst eines europäischenIdioms tiefer in occidentales Wesen eingedrungen wäre? Ich glaube, schwerlichmehr als die meisten „Pariser Jungtürken“ in Constantinopel, welche trotz ihreseleganten Französisch doch gewöhnlich in der Wolle gefärbte Türken bleibenund nur äusserst selten sich mit europäischer Arbeits-, Ordnungs-, Spar- undRechtsliebe dauernd befreunden. Eine Musterung in Ministerien, Gerichten, Zoll-ämtern u. s. w. während der üblichen Amts- oder richtiger Siesta-Stunden seihstdurch verrannteste Turkopbilen vorgenommen, würde meinen herben, aber wahrenAusspruch gewiss bestätigen.
Vor dieser am türkischen Staatsmarke saugenden, europäisch lackirtenBureaukratie hatte mein liebenswürdiger Gastfreund jedoch eine Tugend voraus— die Humanität gegen seine social tief unter ihm stehenden christlichen Mit-bürger. Allerorts, wo Achmed Bei auf meinem Wege zur Stadt Grundstücke,Mühlen u. s. w. besass, hörte ich ihn rühmen. Nirgends liess er sich Härtenzu Schulden kommen, bei Unglücksfällen oder in Missjahren verzichtete er aufden Pachtschilling, in vielen Orten, z. B.^im nahen Bukovica munterte er nichtallein die Bulgarengemeinde zum Schul- und Kirchenhaue auf, sondern unter-stützte sie auch mit Geld- und Rohmaterialien. Handelten die moslimschen Begsalle in gleichem Geiste, wahrlich die blutigen Rajah-Aufstände hätten nie solcheAusdehnung erreicht und den Nachbarstaaten der Türkei so viele Verlegenheitenbereitet.
Der Kaimakam von Rahova, so bestechend er sich Europäern gegenüberzu geben verstand, zählte zu den türkischen Beamten, welche sich mit dem Geistedes Hat i humajun nicht zu befreunden vermochten und des Sultans Reform-fermane „mit Achtung unter ihr Minder“ (Sitzkissen) legten. Bereits 1864 traf