Lebens-Art.
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Es ist eine große praktische Wahrheit: Es ist nichtsleichter, als sich allgemein beliebt zu machen, wennman nur gesunden Menschen» Verstand und ein reinesHerz hat.
Aber hier kommt ein wichtiger Umstand in Betracht-ung: Um diese Sitten zu üben, muß man viel mit sol-chen Menschen umgehen, denen unser Betragen wirklichVergnügen machen kann, die es merken, daß wir nichtbloß ihren Beyfall gewinnen, sondern ihr Herz für unseinnehmen wollen; mit Einem Worte, daß wir mehr aufsie, als auf uns, dabey sehen. Dies aber hat eigentlichnur in dem Umgänge mir Personen Statt, die sich selbstunter uns herab rechnen, und uns Vorzüge des Standes,der Einsichten, oder den so allgemein geltenden Vorzugdes Reichthums einräumen. Der Mann, der sich seinerVorzüge vor mir bewußt ist, wird nicht annehmen, daßich in meinem Betragen gegen ihn mehr auf ihn, als aufmich, sehe. Wenn ich die Kunst feiner Lebens-Art aufssorgfältigste gegen ihn übe, so wird er es bloß als eineBemühung ihm zu gefallen, und seinen Beyfall zur Be-förderung meiner Absichten zu gewinnen, auslegen. Ichselbst werde bey dem Eindrucke, den seine Vorzüge aufmich machen, so handeln, als wenn ich nur um meinet-willen seine Zufriedenheit, sein Wohlwollen, und, wennes möglich ist, Liebe, nicht als ob ich ihm selbst durch mei-nen Umgang Vergnügen zu erwecken suchte. Dies istvollends unvermeidlich, wenn ich mit einem Manne zuschaffen habe, der, nach der Weise voriger Zeiten, in un-aufhörlicher Wiederhohlung der Wörter: Gnade, Unter-lhanigkeit, u. d. gl. den Beweis zu hören erwartet, wiesehr ich mich unter ihn herab würdige.
Man kann daher diese Sitten nicht eher zu üben an-fangen, als bis man einen gewissen Standpunct in derbürgerlichen Gesellschaft erlangt hat, in welchem, wie-wohl ohne Stolz, man weis, was man unter feinen Mit-Menschen gelte, und also öfter, als es sonst seyn kann,mit solchen Menschen zusammentrifft, .die etwas dabeyfühlen, wenn wir sie durch unser Betragen vergnügt zumachen suchen. Darin liegt eine Haupt-Ursache, warumdiese Sitten auch bey Personen von reinem Herzen undVerstände so selten sind. Sie zu erlangen, wird insonder-heit hem Jüngling schwer, der seine Jugend in einge-
schränk-