Band 
Fünfter Band. Von I bis L.
Seite
479
JPEG-Download
 

Kunst 479

ist die Natur, oder die Welt, selbst die höchste lebendige Schönheit;indem sie als allumfassende Mannickfaltigkeit sinnlicher Erscheinun-gen in Wechselwirkung mit dem Geiste, oder indem sich der Geistin ihr vollkommen offenbart, auch das vollkommenste Ganze bildet,in welchem die höchste Mannichfaltigkeit und Einheit, die höchsteRuhe und Bewegung sich verbinden, und alle streitenden Gegen-satze vereinen. An diesem Geiste gedacht, ferner als die nimmerruhende, bei keiner Bildung stehen bleibende, bildende Kraft, alsrastlose Erzeugerin der unendlichen Fülle endlicher Products undGestalten, schwebt sie als Vorbild über dem menschlichen Kunst-werk«, und nach ihrer Idee werden die einzelnen äußeren Erschei-nungen von uns beurtheilt. Denn vermöge jener Fähigkeit, vonder äußern Welt allseitig berührt zu werden, welche an ein beson-deres System fein gebildeter,Organe geknüpft ist, und indem sichim Menschen die Elemente der ganzen uns sichtbaren Welt so innigvereinen, daß die beseelte Menschengestalt uns selbst als das voll-kommenste Sinnbild der Welt (als eine Welt im Kleinen) erscheint,spiegelt sich im Geiste gleichsam die Natur; und wie der Mensch sichals das Ebenbild der Gottheit erkennt, so ist auch das anschaulicheWerk, was in diesem Geiste empfangen wird, Rachschöpfung, oderein Sinnbild der lebendigen Welt, abgeschlossen und selbstständigwie sie, und die mannichfaltigen Gestalten und Wirkungen der Na-tur erhalten einen höheren Glanz, wenn sie in geistiger Beziehung,wie Strahlen in einem Spiegel , aufgefaßt, und in einem idealenBilde zurückgeworfen werden. Luch vermag der Mensch den Sinnund die Idee der Naturerscheinungen, und die Veränderungen derNatur selbst auf demjenigen Puncte aufzufassen, wo sie am meistender Idee sich nähern. Und in diesem Sinne kann man von Nach-ahmung der Natur, nicht ihrer einzelnen sinnlichen Erscheinungen,rede», da ohnehin nicht diese allein, sondern auch das innere Lebender Menschheit, und dessen Einwirkung auf die äußere Umgebung,sofern es sich der Einbildungskraft anschaulich verstellbar, als ab-geschlossenes Bild in mannichfaltigen Charakteren und Gruppen,Thaten und Schicksalen der Menschen, überschauen läßt, mithin alsGeschichte zu einem Gegenstände der Kunst erhoben wird. Die freieDarstellung des Schönen, wie wir die Kunst nannten, ist aber zu-gleich Darstellung des Lebens; denn das Schöne ist etwas Leben-diges , und darstellen läßt sich nur etwas Inneres, was zum Lebengehört, oder das Leben ausmacht. Das Kunstwerk soll aber vollen-dete Darstellung seyn, mithin das vollendete Leben , oder die Er-scheinungen, Aeußerungen und Regungen eines genialen Gemüths,d- i. eines solchen, in dem die höchsten Kräfte, vorzüglich aber Ver-nunft, Phantasie und Gefühl in einem natürlichen Gleichgewichteund das von einem höheren Geiste, dem Geiste der Welt,gleichsam bewegt wird, mithin zugleich die Idee des menschlichenLebens in seinen verschiedenen Gestalten und Aeußerungen in einemorganischen Bilde zur äußern Anschauung bringen. Das Kunstwerke nsso gleichsam das Zeichen, durch welches dieses innere Lebensestgehalten werden soll, und das Product eines lebendigen Dran-k i, Ehin zwar nicht das (innere oder äußere) Leben selbst (da-ourch steht es auch in gewisser Hinsicht hinter der Naturerscheinung'v sondern nur der Schein, oder die- vollkommenste Erschei-desselben (wodurch es sich über die-Naturerscheinung erhebt).*ver der Künstler muß dasselbe in sich tragen, und es darzustellen