Lavater 605
Treuherzigkeit seines Betragens, die stille Begeisterung und tiefeSanftnw.th seines Blicks, die ausgezeichnete Anmuth und Lieblich-keit seiner Lippen, die etwas vorgebogcne Haltung seines schlanken,wohlgebildeten Körpers, der Ausdruck einer Menschenfreundlichkeitund Güte, die die Ucbergewalt seines Geistes milderte, ohne sie zurerläugnen, die jungfräuliche Reinigkeit und Zartheit seines ganzenWesens gab seiner persönlichen Darstellung so viel Feierliches undWohlthuendes, daß man sich ihm gegenüber unwillkührlich von Ehr-furcht und Liebe ergriffen fühlte. Dazu kam eine seltene Faßlich-keit und Popularität im Gespräch, eine geistige Hoheit und Säledüng, die auf der Kanzel jede» seiner Worte Gewicht gab, die Ue-bercilungen seines Eifers im Flusse der Rede bedeckte, und selbst imgeselligen Umgänge ungezwungen hervorblickend, keinen Spötter ge-gen ihn auskommen ließ, eine sittliche Grazie, die auch seine Schcrzeadelte und jeden Zirkel, in den er eintrat, in Ordnung erhielt, dieOriginalität und Fülle seines Gedankenganges, die oft überraschendund immer anregend und erwärmend auf seine Umgebung» wirkte,Eigenschaften genug, um die Bewunderung und Anhänglichkeit sei-ncr Verehrer begreiflich zu machen. Seine Aussichten in die Ewig-keit hatten ihn überdieß bei der Menge längst in den Ruf HöhererScherkräfte gesetzt, und in seinen asketischen Schriften waltete ne-ben tiefer Mcnschenkenntniß und uugemeiner moralischer Kraft, wirk-lich das göttliche Leben, das die Gemüther überzeugt, erquickt undtröstet. Seine Predigten über das Buch Jonas und überdie Liebe, die Handbibel und Lieder für Leidende,die Betrachtung über die wichtigsten Stellen in denEvangelien gehören zu den trefflichsten Erbauungsbüchern in derdeutschen Literatur. Auch sein Tagebuch eines geheimenBeobachters seiner selbst hat unstreitig viel Gutes gewirkt,und die Arglosigkeit, mit der er es ins Publicum gehen ließ, würdeihm nie nachtheilig geworden seyn, wenn er nicht zu viele Partiku-laritäten seines eignen Lebens hineingemischt hätte, die ihn demMißverstände und der Verläumdung bloß stellen mußten. JenesTagebuch, die Geschäfftigkcit dienender Freunde und Zwischenträger,die ihn umlagerten und seine Offenherzigkeit nicht selten mißbrauch-ten, die Berichte der Reisenden, die die Schweiz nicht sehen konn-ten, ohne den Propheten in Zürich zu besuchen, brachten jeden Schrittund jede Auslassung von ihm unter die Leute, und die Aufmerksam-keit des Publikums erstreckte sich in jenen friedlichen Deccnnicn,wo man noch Zeit hatte, das Kleine wichtig zu finden, bis auf dieunbedeutendsten Borfälle und Wendungen des lavaterschen Lebensund Treibens. So wurde ihm das Glück einer großen Celebritätoft durch ärgerliche Klätschercien und Händel verbittert, und er warselbst zu wenig besorgt, jeden Anlaß zu öffentlichen Verhandlungenüber sein Privatleben zu vermeiden. Seine durch allzugroßen Bei-fall genährte Eitelkeit verleitete ihn bisweilen zu kleinlichen Schrit-ten und einer empfindlichen Sorgfalt für seinen Ruhm. Dieser kamauch allerdings in Gefahr, da er nach einer Reise, die er auf Ein-ladung des Ministers Bernstorf 1793 nach Kopenhagen unternom-men hatte, ein Tagebuch derselben herauszugeben anfing. Kniggemachte sich sogleich in der Reise nach Fritzlar, und ein Unge-nannter in dem satyrischen Freudenliede der Jünger La-va ters, darüber lustig. Ueberhaupt zeigte sich in dieser späternPeriode sein Geist nicht immer kräftig genug, den Mangel einer