Vernunft 317
rt»e sorgfältige Kritik die Gränzen unserer Rernunft auch in An-sehung ihres empirischen Gebrauchs bewachte So mochte derSkepticismus anfangs bloß zu Gunsten des Erfahrungsgebrauche«der Vernunft alles für nichtig und grundlos erklären, was diesenErfahrunqSgrundsatz übersteigt. Als man aber endlich inne ward,daß doch hie nämlichen Grundsätze -» xiioii, deren man sich beider Erfahrung bediente, noch weiter führen konnten, sing manan, selbst die Ersahrungsgrundsätze zu bezweifeln. Man konntenämlich nicht bestimmen, wie weit und warum nur bis dahin undnicht weiter der Vernunft zu trauen sey; dieser Verwirrung aberkann nur durch förmliche und aus Grundsätzen gezogene Granzbe-ftimmung unsers Vernunftgebrauchs abgeholfen werden. Erfah-rung thut der Vernunft niemals völlig Genüge; sie weis't unsin Beantwortung der Fragen immer weiter zurück, und läßt unsin Ansehung des völligen Ausschlusses derselben unbefriedigt. Werkann sich bei der bloßen Ersahrungserkenntniß in allen cosmolo-gischen Fragen, von der Weltdauer und Weltgröße, von der Frei-heit oder Narurnothweadigkeit befriedigen? denn wir mögen esanfangen wie wir wollen, so gebiert jede nach Erfahrungsgrund-sähen gegebene Antwort immer «ine neue Frage. Diese will nunwieder beantwortet seyn, und da dieses so fortgeht, so thut sichdadurch die Unzulänglichkeit aller physischen .Erklärungsarlcn zurBefriedigung der Vernunft deutlich dar. Endlich wer sieht nichtbei der durchgängigen Zufälligkeit und Abhängigkeit aller Erfah-rungsgcgenstände die Unmöglichkeit, bei diesem stehen zu bleiben?wer fühlt sich nicht nothgedrungen, in dem Begriffe eines höch-sten Wesen« Ruhe und Befriedigung zu suchen? — Den dcisti-schen Begriff des Urwesens aber muß man einräumen, weil dieVernunft in der Sinnenwelt durch lauter Bedingungen, die im-mer wiederum bedingt sind, getrieben wird. Uno so kann unSnichts hindern, von diesem Wesen eine Causalität durch Vernunftin An ehung der Welt zu prädiciren, und so zum Theismussiberzuschreiten. — Es wird übrigens das Wort Vernunftnoch tn gar vielfältigen Beziehungen und in gar mannichfaltigenBedeutungen gebraucht; nämlich als bloßer Gegensatz der Sinn-lichkeit, als das Vermögen zu denken (durch Begriffe sich etwasdvrzustellen), daher freier Gebrauch der Vernunft. Das Unvermö-gen, sich seiner Vernunft ohne Leitung eines Arider» zu bedienen,ist Unmündigkeit (s. d. Art.). Gestörte Vernunft heißt Aberwitz.Das Zeitverhältniß der Gelangung zum vollständigen Gebrauchder Vernunft kann bei dem Menschen in Ansehung seiner Geschick-iichkcit etwa im zwanzigsten, das in Ansehung der Klugheit imvierzigsten, endlich das der Weisheit im sechzigsten anberaumtwerden. — Kant hat die Benennung theoretische undpraktisch e Vernunft eingeführt, meint aber damit nicht,daß es eine doppelte Vernunft gebe, sondern nur daß sin unddieselbe Vernunft das Vermögen sey, eine Erkenntniß auf zweier-lei specifisch verschiedene Art auf einen Gegenstand zu beziehen;«inen zwiefachen Gebrauch der Vernunft; den theoretischen, durchden ich L xriori erkenn«, daß etwas sey, und den praktischen,durch den ich , xiiori erkenne, daß etwas geschehen soll. — Ge-sunde Vernunft, d. h. Vernunft in dem Zustande, als sie jedem«rcht «erdildrten Menschen hsiwohnt, nämlich tn dem Zustande,