43
Pandrosos, in welchem zugleich der Heros Poseidon Erechtheus verehrt und mehrere Heiligthümer bewahrtwurden. Das an demselben Orte gestandene uralte Heiligthum wurde in den Perserkriegen zerstört, späterwieder hergestellt, aber, zufolge einer Bau-Urkunde, erst nach 409 v. Chr. vollendet*). Es ist in der Haupt-masse ein ionischer Prostylos mit sechs Säulen gegen Osten und mit Fenstern zwischen Halbsäulen an derentgegengesetzten Front. Angebaut ist am Westende der Nordseite eine viersäulige Vorhalle, und am West-ende der Südseite die Halle der Pandrosos — die Caryatiden-Halle — dem Eintretenden und dem Parthe-non zugleich zugekehrt.
Diese seltene Combination, aus eigentlich drei Bauwerken in malerischer Unsymmetrie gruppirt, zeigt unsin genialer Verbindung eine durchdacht-construirte Architektur, in den elegantesten Formen und edelsten Ver-hältnissen entwickelt, mit musterhaft ausgeführten Einzelnhertcn geziert. Ein vorzügliches Beispiel für eurhyth-metrische Anordnung.
Wir betrachten zuerst die viersäulige Vorhalle, deren Ordnung auf Tafel 30. in ganzer Figur vorgestelltwurde. Unter dem Aufriß ist in kleinerem Maaßstabe die doppelte Ante, welche das Wcstcnde der Rückwandder Halle bildet, nebst der Säule zwischen ihr und der westlichen Ecksäule des viersäuligen Prostylos angege-ben, wonach der Grundriß der Halle zu construiren sein wird. Inmitten der Rückwand befindet sich diePrachtthür, welche wir auf Tafel 90. vorstellen.
Das Deckenwerk bestand aus fünf Steinbalken, die auf den Architraven des Prostylos und der Rück-wand ruhten, und sechs Spazien zwischen sich und den beiden Ortbalken hatten; darüber lagen dann, wie ge-wöhnlich, die Deckplatten, in welchen aber nicht zwei Cassetten neben einander, sondern nur eine befindlich war,und zwar über jedem Spazium acht dergleichen in quadratischer Form.
Tafel 33. zeigt die Einzelnheitcn der Säule, der Ante und des Hauptgefimses. Bei letzterem ist zu be-merken, daß die Ausladungen von den Säulenachsen um 4i Part. zu groß angegeben sind: ein Irrthum, deraus dem Stuart'schen Werke auf die Normand'sche Platte übergegangen ist, der übrigens leicht bemerkt wird,wenn man erwägt, daß der Architrav in der Breite seiner Unterstäche nicht viel von der Breite der Anten,oder auch von der Länge der Polster des Säulen-Kapitals abweichen darf.
Das Hauptgesims vom Porticus der Pallas zeigt uns im Ganzen, wie in den Einzelnheiten, die edelstenVerhältnisse des reinen Steinbaues, ohne alle Reminiscenz an Holz-Construction. Im Fries befinden sich vieleLöcher, worin einst die Zapfen der Verzierungen befestigt waren. Das Material dieses Frieses war eleusini-scher grauer Kalkstein, welcher den Reliefs besser zum Hintergrund diente, als der weiße penthelische Marmor,aus welchem das ganze Bauwerk errichtet war.
Die Sima ist nicht harmonisch mit dem Uebrigen ergänzt, wir weisen deshalb auf unsere Tafel 30. zu-rück. Die Ornamente am Hauptgefimse find, so wie diejenigen an den Kapitälen und Basen, von der schön-sten Erfindung und musterhaftesten Sculptur, während wir die Verzierungen bei früheren Monumenten meistin Malerei ausgeführt finden.
Die Giebelspitze bildet einen Winkel von circa 150 Graden.
Von der reichsten, vorzüglichsten Anordnung ist das Kapitäl der Säule mit seinen kräftigen, doppelt cane-lirten Voluten, dem geflochtenen Pfühl über dem ringsum sichtbaren Echinus, den sein gegliederten Polstern,und mit dem äußerst zierlich geschmückten Halse. — Dieser Hals gewährt auch einen wesentlichen Vortheilbeim Versetzen, weil dabei die herunterhängenden, zerbrechlichen, dünnen Schnecken-Scheiben nicht so leichtbeschädigt werden können.
*) Siehe Corpus Inscriptionum Graecarum, bei B0eckh.
11