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Zweiter Band.
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Die -Kunst.

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Aber sein Heimatkantvn, in welchem die Gründung des Arland-Museunis um die Mitte des Jahrhunderts ein Erwachen der Kunstzur Folge gehabt hatte, wollte doch auch nicht darauf verzichten, dengroßen Künstler zu Schöpfungen anzuregen. Dieser kam dem Wunscheseiner Mitbürger entgegen- er malte seine zwei helvetischen Gemälde,Davel und die Römer. Das erstere überrascht durch den Charakterder Hauptfigur, die den Typus des Lavaux -Winzers kräftig ausprägt-das letztere faßt mit vollkommener Einheitlichkeit und Klarheit eineMenge malerischer Elemente, Figuren, einen großen Komplex wider-sprechender Gesühlsmomente zusammen. Aber von allen Werken Gleyresscheint uns keines so vollständig zu sein, wie sein Pentheus - diesesBild vereinigt alles in sich: die ausdrucksvolle Macht der Bewegung,den tragischen Charakter der Landschaft, bis hinab zur Farbe, die hierkühner und lebensvoller ist als auf irgend einem Bilde des Meisters.So interessant seine historischen oder religiösen Seenen sein mögen, soentfaltet er doch immer in den antiken Stoffen sein höchstes Können,weil sie seiner träumerischeil Phantasie am meisten Freiheit lassen. SeinLieblingsthema war die souveräne Schönheit, der mysteriöse und siegreicheZauber des Weiblichen. Vom Echo an bis zu Phryue und VenusPandemvs zaubert sein Pinsel lauter liebenswürdige Gestalten,liebliche Personifikationen der Anmut und der Jugend hervor. Gleyrebesaß neben dem Stilgefühl die Gabe, den flüchtigen Träumen, dennngreifbaren Visionen der Seele eine unsterbliche Gestalt zu verleihend

Leopold Robert könnte mau Alfred van Muydeu (18181898)anreihen, wenn dieser sehr persönliche Künstler es nötig hätte, mit irgendeinem seiner Vorgänger in Verbindung gebracht zn werden. Man stellesich einen quallosen lind fröhlichen Leopold Robert vor, der, ohne dieitalienische Vornehmheit zu verkennen, ihr eine traulichere Anmut ver-leiht und sie gerne in der heimeligen Stube des bürgerlichen Hauses

' Wenn es hier der Ort dazu wäre, könnte man eine merkwürdige Berglcichuugzwischen Böcklin und Gleyre anstellen hinsichtlich ihrer Auffassung von der antikenKunst. Man würde vielleicht in der Weise, wie diese beiden Künstler sich dieselbe an-geeignet haben, das beste Unterscheidungsmerkmal für rvmnnischcn und deutsch -schweizerischen Geist erkennen. Der Pantheismus Böcklins bemächtigt sich unmittelbaraller Offenbarungen dcS universellen Lebens- derjenige GleyreS macht sich an dieallgemeine Offenbarung aller Formen der menschlichen Vernunft heran.

In dem einen wirkt die Expansion des instinktiven und natürlichen Lebens,während beim andern die Verunnftfolgernng eine bedeutendere Rolle spielt.