Band 
Erstes Buch.
Seite
124
JPEG-Download
 

124

Die Bildung der Kunstform des Korinthischen MutuluS möchte sich nach folgendemGedankengange versinnlichen laßen. Beim belasteten Holzbalken Taf. 44 Fig. 1, 2 wird indem über das Auflager vorspringenden Theile oder MutuluS b, dieselbe statische Kraft wir-ken welche in dem Theile a zwischen seinen beiden Auflagern thätig ist, nämlich die rela-tive Festigkeit. War nun diese für den Theil rr in Form einer Fascia, eines stachen ToruSauSgedrükkt, so muß dieselbe Bezeichnungöweise für das Endstükk b> welches den MutuluSbildet, gültig sein; da aber hier beim MutuluS die Bedingung hinzutritt: daß er dasEnde, den vorspringenden Auslauf bildet, wird die Fascia gleichfalls als in sich been-det und nach vorn zu auskaufend gemodelt erscheinen müssen; dies ist allein nur durch dasJnvolutiren der Fascia zu bewirken, wodurch eine der involutirten Fascia des IonischenKapitelles ganz änliche Form Fig. 2 entsteht. Ist der MutuluS nicht Fortsetzung einesBalkens sondern ein für sich bestehendes Stükk welches in einer Wand festsitzend vonderen Vorderseite nach vorn abspringend endet, so ist gleichwohl auch in dem Vorsprungekeine andre Festigkeit als die relative, mithin dieselbe Kraft unter derselben Form auözu-sprechen wie vorher; nur modificirt sich die Form danach: daß sie bestimmt darstellen mußder freitragende Theil sei nicht Fortsetzung eines über das Auflager in Weise von Fig. 1hinausragenden Schema a, sondern beginne erst vor dem Auflager oder mit Verlaßendesselben als Kunstsorm und beende sich von diesem abspringend, wie dies bei allen solchenKörpern aus Stein der Fall ist. Diese Bedingung eines solchen MutuluS: vor dem Auf-lager oder der Wand in freitragender Form erst zu beginnen, oder am Auflager anzusetzenund nach vorn vorspringend beendet zu werden, wird nur durch das auf die Weise vonFig. 3 involutirte Schema allein erfüllt werden können; die Beigabe eines starren tra-genden Blattes unter der involutirten Fascia, welches ebenfalls am Auflager ansetzt undnach vorn vorspringend überfällt, ist ein Gedanke durch welchen die Form an Realität undsinnlichem Verständniß außerordentlich gewinnt. Alle denkbaren Varietäten dieser Mu-tuli gehen aus diesen Normen hervor und laßen sich auf dieselben zurükkführen.

Die Form der Mutuli ist zu bekannt als daß es vieler Beispiele hier bedürfte;jedoch zeigt Fig. 4 und 3 (vom Bühnengebäude zu Aizani, T'exiei- Vo)'. min. kl. 46)obwohl aus späterer Zeit (wie schon der MutuluS vor der Ekke beweist) eine seltene undursprüngliche Reinheit des Schema. Das Korinthische Geison hier krönt einen Thrinkoö aufIonischen Säulen und Epistylien der durch kämpfende Löwen und Stiere charakterisirt ist.

Als Beispiel der höchsten Entwikkelung wie der Realität aller einzelnen Elementeder Kunstsorm, ist Taf. 45 das bereits früher hierfür zu Grunde gelegte Geison vom Tem-pel des Jupiter Stator zu Rom , in großem Maaßstabe mit Anführung aller Einzelnhei-ten aus dem Werke des Valladier gegeben; Fig. I Unteransicht, Fig. 2 Seitenansichtdes MutuluS, Fig. 3 Fronte desselben, Fig. 4 Fronte und Ekke des ganzen Geison; denDurchschnitt im kleinern Maaßstabe gab Taf. 34, Fig. 8.