Buch 
Gedichte / von Gottfried Kinkel
Seite
187
JPEG-Download
 

187

Recht zwischen Jungfrau noch und KindStand sie auf jener blumigen Grenze,

Wo noch die Unschuld keckgesinntUm's Haupt sich windet bunte Kränze,

Und doch ein tief wehmüthig AhnenSchon mag an künft'ge Liebe mahnen.

Sie saß im blauen Sammtgewand,Umflattert von dem Purpurbanner,

Und hielt den Kranz in ihrer HandZum Preis dem stärksten Bogenspanner.

Mit lichten Blumen war durchwobenDer schvngewundnen Flechten Pracht,

So wie ihr Kleid am Himmel drobenMit bunten Sternen stickt die Nacht.

Wie zart der Jungfrau Lippen glühen,

Zwei Knöspchen, die im BlätrerschleierNur auf den Lenzhauch harr'n als Freier,Im Kusse feurig aufzublühen!

Doch ungetrübt von Liebesthränen,

Und unberührt von Schmerzgefühl,

Noch nicht verzehrt von Angst und SehnenSah klar dieß Aug auf's Volksgewühl.

Denn rings aus ihres Vaters LändernWar fröhlich Volk herbeigekommen;

Mit Wimpeln reich verziert und BändernKommt Kahn und Schalde hergeschwommen.Der Köhlerbursch aus Wäldern weitFührt her des Försters zages Mädchen,

Das nur sein Stübchen kennt und RädchenUnd stumm bestaunt die Herrlichkeit.