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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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27
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Die Vorzeit.

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in historischer Zeit kommen einzelne Züge von großer Rohheit vor: so,wenn die Friesen ihre Frauen den Römern als Waare Hingaben, um denauferlegten Tribut zu leisten. Aber während der künstlerische Griecheeben so wenig wie der pragmatische Römer feiner Borstellung von demWeibe als von etwas Untergeordnetem, ja sogar Unreinem, nie sich ent-schlagen konnte, wuchs in den Schatten germanischer Wälder eine Ansichtvon der Frau groß, welche dem deutschen Idealismus zum höchsten Ruhmegereicht. Daß die Frau die nährende und wärmende Flamme der Ge-schichte ist, das haben erst die Germanen erkannt; erst durch sie wurdedas Weib wirklich in die Gesellschaft eingeführt. Sie sahen, berichtetTacitns, im Weibe etwas Heiliges, Borahnendes; sie achteten auf denRath der Frauen und horchten ihren Aussprüchen. Wie begabte Frauenim alten Deutschland nicht selten prophetisches Ansehen besaßen, beweistder von unserem eben erwähnten Gewährsmanne bezeugte Einfluß, wel-chen Anrinia und Beleda unter ihrem Volke geübt haben. Die letztere,eine Jungfrau aus dem Stamme der Brukterer, herrschte, zur Zeit derKriege der Deutschen gegen die Römer unter Vespasian , weit umher;Civilis begehrte ihres Rathes und übersandte ihr Trophäen seinerSiege. Bom Priesterthum der germanischen Frauen weiter unten. Bonder den Frauen gewidmeten Verehrung legen auch schon die altdeutschenFranennamen sinnvolles Zeugniß ab. Zu den ältesten mögen gehören:Skonea (die Schöne), Berhta (die Glänzende), Heidr (die Heitere), Liba(die Lebendige), Swinda (die Rasche). Später kamen eine Menge nichtminder sinnige hinzu, in welchen besonders die Zusammensetzungen mitwiz (weiß, z. B. Svanhvit), heit (stralcnd, z. B. Adalheit), brun (hell,z. B. Kolbruu) und louk (lohend, z. B. Hiltilouk) vorschlugen. Ihrer-seits wußten die germanischen Frauen der Männer Achtung zu erwerbenund zu erhalten. Wie Tapferkeit des Mannes, so war Keuschheit desWeibes höchste Zier. Das Preisgeben der Jungfräulichkeit vor der Ehewar diesen hochschlankeu, blondhaarigen, blauäugigen Schönen unbekanntund wurde in den seltenen Fällen, wo es vorkam, mit der für einMädchen härtesten Strafe belegt; denn einer Entehrten gewann wederSchönheit noch Reichthum einen Mann. Wie hoch als Ehegeuossin dieFrau gehalten wurde, deutet schon das Wort an; denn Frau bedeutetursprünglich die Frohmachende, Erfreuende, und erhielt später geradezudie BedeutungHerrin". Im Allgemeinen eilten im alten Deutschland beide Geschlechter mit Eingehung des Ehebundcs nicht allzusehr. Vollreifedes Leibes und Geistes ward dazu gefordert und vor Erreichung deszwanzigsten Jahres in der Regel keine Heirat geschlossen. In derältesten Zeit lag in der Darbringung von Geschenken seitens desBräutigams an die Verwandten der Braut wohl ein faktisches Erkaufender Person der letzteren; später erhielt der Brautkauf mehr eine sym-