Die Borzeir,
29
habe. Nanna wird in der Mythe mit ihrem Gatten Baldur verbrannt.Brunhild tobtet sich selbst, um dem ihr verlobt gewesenen Sigurd in denTod zu folgen, und schmäht sterbend ihre Schwägerin Gudrnn, weildiese es unterläßt, ihren Gemahl auf den Scheiterhaufen zu begleiten.
Der altdeutsche Familienvater that sich etwas darauf zu gut, einestarke Familie zu haben. Die Zahl der Kinder zu beschränken oder gareines der nachgeborenen zu todten, war daher unseren Vorfahren einGräuel, wogegen allerdings mißgcschaffene Kinder in Sümpfen ersticktwurden. Unter die schwersten Verbrechen rechneten sie Frauenraub undgewaltsame Verletzung weiblichen Schamgefühls. Die Frau stand demManne als eine treue Genossin in Glück und Unglück zur Seite; sie be-sorgte daheim die einfache Feld- uud Hauswirthschaft, sie folgte ihm auchauf seinen kriegerischen Zügen, trug ihm Speise uud Trank zu und befeuertedurch ihren Zuspruch seinen Schlachtmuth. Werden doch Beispiele er-zählt, daß wankende germanische Schlachtreihen durch inständiges Flehen,durch Darhalten der Brust, durch Hinwcisung auf die Schmach der Ge-fangenschaft von feiten der Weiber wieder hergestellt und zum Siege ge-führt wurden. Aber auch von der Zornwuth, von der Räch- und Mord-sucht germanischer Frauen haben Sage und Geschichte manches Beispielüberliefert, und daß unter den weiblichen Untugenden auch Hinterlist undTreulosigkeit gefunden wurden, hebt die ihrem Inhalte nach älteste Urkundedes Germanenthums, die „Edda", au mehreren Stelle» scharf genughervor. Sagt sie doch einmal geradezu: „Den Worten eines Mädchenstraue niemand, nachdem, was zu dir spricht ein Weib; denn wie einRad drehen ihre Herzen sich und Wandel ist in ihre Brust gelegt". Alleszusammengehalten, dürfen wir, ohne unseren Aeltermüttern Unrecht zuthun, die Ansicht aussprechen. daß sie in höherem Grade kräftige undkeusche als amnuthige und liebenswürdige Lebensgefährtinnen gewesensein mögen. Es muß etwas Sprödes, Herbes, Mannweibliches in ihrerHaltung und in ihrem ganzen Gebaren gelegen haben. Ihre gefälligerenund sanfteren Eigenschaften und Reize zu entwickeln war der vorschreiten-den Kultur vorbehalten.
In den religiösen Vorstellungen eines Volkes pflegt sich dessenureigenstes Wesen in seiner ganzen Tiefe zu offenbaren, weil in diesenVorstellungen die ganze Gedankenwelt einer menschlichen Gesellschaft wiein einem Brennpunkt zusammenläuft und alle einzelnen Skalen ihrerWelt- und Lebensanschauung von diesem Centrum ausgehen. DasKühne, Trotzige, Wilde, welches im altgermauischen Charakter nach allenseinen Aeußerungen zu Tage tritt, wird darum erst recht begreiflich durchBetrachtung der Religion, unter deren Einfluß das Volk dachte, sprachund handelte. Hier aber lassen unsere antiken Führer uns im Stiche,weil sie, unvermögend, die Eigenthümlichkeit dieser nordischen Mythologie