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Buch I, Kap. 1.
Herabreichenb, ein prächtiges Seitenstück zur älteren Edda, in Geist undForm die ganze Wildheit altnordischen Wikingcrlebens veranschaulichend.Dem Snorri wird auch, mit Recht jedoch nur theilweise, das didaktischeHauptwerk der isländischen Literatur zugeschrieben, die jüngere Edda,auch Snorraedda genannt, welche in drei Abschnitten zuerst von Götter-mythen, dann von den Regeln der Skaldendichtnng, endlich von denisländischen Buchstaben (Runen) und den Gesetzen der Redekunst handelt.
Äsen (nord. kwsir, Einzahlst Ls) hießen die Götter des germanischenNordens und ist dieses Wort identisch mit dem gothischen Anscn (ruwss),welches Jordanis durch Halbgötter (semickm) wiedergibt. So, wie diereligiöse Weltanschauung der Germanen in den Edden vorliegt, ist sieeine polytheistische. Allein dieser Polytheismus erhob sich weit über ge-meinsinnlichen Fetischismus; denn die Asenlehre wurzelte in der Annahmeeines geistigen Urwesens, Allvater (Walvater, Alfadur, Alldafathr),welches war, bevor die Welt entstand, und sein wird, wann diese längstwieder untergegangen. Dem Schöpferworte dieses Urwesens verdanktalles sein Dasein, auch die Götter und die Menschen. Die verschiedenenAttribute seines Wesens traten in der Form von Göttern und Göttinnendem sinnlicheren Begriffsvermögen des Bolkes näher. So gestaltete sichder nordische Olymp (Asgard). Der oberste Herrscher desselben ist derweise Odin , reitend aus seinem achtfüßigen Wunderroß Sleipnir, seinenniefehlenden Speer Gungnir in der Hand. Um ihn gruppirt sich seinzahlreiches Geschlecht, der Donnergott Thor , der als streitgewaltigster,von der nordischen Mythe mit Borliebe behandelter Asc den unwider-stehlich zermalmenden Hammer Miöllnir führt; ferner der milde, gerechteBaldur, der schnelle, schlaue Hermodnr, der liederspendende Bragnr oderBragi, dann Heimdall , der Wächter der gen Asgard emporführendenBifröstbrücke, der Wettergott Freir, der Zwisteschlichter Forseti, der ver-schwiegene Widar, der muthige Uller, der bogenkundige Wall, der winde-beherrschende Niördr, der blinde Hödur und der unerschrockene Tyr.Ihrerseits hat Odins Gemahlin Frigg einen zahlreichen Kreis vonTöchtern, Gefährtinnen und Dienerinnen um sich, Freia , Jduna, Losn,Gefion, Saga, Fulla, Siöfn, Eir, Hlin, Syn, Wara, Snotra, Gna undandere. Besondere Erwähnung verdienen die Nornen und die Walküren.Erstere, Personifikationen der ewigen Naturnothwendigkeit, wohnen unterder Lebensesche Yggdrasil ; sie sind drei an der Zahl, Urd, Werdandi undSkuld, ordnen nach unwandelbaren Gesetzen den Lauf der Dinge und er-theilen den Äsen Rath. Den Walküren (Todtenwählerinnen) liegt ob,in unvergänglicher Schönheit in die Schlacht zu reiten, die zum Tode be-stimmten Helden auszuwählen, die Gefallenen in Odins Sal zu geleitenund sie dort beim Gelage zu bedienen. Dem Geschlechte der Äsen stehtfeindlich gegenüber das der Riesen (Joten, Jötune), welche in Jötunheim