Buch 
Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
Entstehung
Seite
39
JPEG-Download
 

Die Vorzeit.

39

Anuar eine Tochter, Jörd (Erde ), von ihrem dritten Gatten Dellingr,der vomAsengeschlechte war, wieder einen Sohn, den Dagr(Tag), welcherlicht war und schön. Da nahm Allvater die Nacht und ihren Sohn Tag,gab ihnen zwei Rosse und zwei Wagen und setzte sie an den Himmel, daßsie alle zweimal zwölf Stunden um die Erde fahren sollten. Die Nachtfährt voran mit ihrem Rosse, welches Hrimfaxi (reifmähnig) heißt undjeden Morgen die Erde mit dem Schaum seines Gebisses bethaut. DerTag folgt ihr mit seinem Rosse Skinfaxi (lichtmähnig), welches mit demGlänze seiner Mähne Luft und Erde erleuchtet. Weiter hatte ein MannNamens Mnndilföri zwei Kinder, die waren hold und schön, und ernannte den Sohn Mani (Mond) und die Tochter Sol (Sonne ). Alleinihr Stolz erzürnte die Äsen. sie nahmen die Geschwister und setzten siean den Himmel und hießen Mani den Gang des Mondes leiten undhießen Sol die Hengste führen, die den Sonncnwagen zogen, welchen dieÄsen aus den Feuerfunkcn aus Muspelheim geschaffen. Sonne undMond aber fahren so schnell, weil sie beständig gejagt werden von zweiriesenhaften Wölfen, Sköll und Managarm (Mondhund), Kindern einesRiesenweibes. Lange lebten die Äsen fröhlich und sorglos ein goldenesZeitalter, nachdem sie die gefährlichen Kinder Loki's einstweilen unschäd-lich gemacht, indem sie der Hcl die Herrschaft über das Todtenreich ge-geben , die Mitgardschlange ins Weltmeer gestürzt und den Wolf Fenrismit einem durch die Schwarzelfen aus den Barthaaren einer Jungfrauund dem Schall des Katzentritts gewobenen Band (in dem Spiel mitUnmöglichkeiten kommt die altnordische Poesie mit der altindischen bedeut-sam übereiu) gefesselt hatten. Aber ihr schlimmster Feind, Loki selbst,war nicht unthätig. Die Mythe von den drei Riesenmädchen, welche nachAsgard kamen und den Äsen die wunderbaren Goldtafeln wegnahmen,worauf schicksalsmächtige Runen (Sprüche) urältestcr Weisheit geschriebenwaren, darf man wohl auf die Normen deuten, welche den Göttern ihrGeschick bestimmten. Dies verfinstert sich nun allmälig, besonders raschaber, nachdem durch Loki'ü Tücke der Tod des gerechten Baldur warherbeigeführt worden. Die Götter nahmen zwar Rache für dieses undanderes, indem sie den verrätherischen Loki an einen Felsen schmiedeten,s°,. daß eine über ihn; aufgehangene Giftnatter ihm ihr Gift beständigin's Gesicht träufelte. Hier stoßen wir dann auch auf einen der wenigensanften, auf einen der schönsten Züge der nordischen Mythologie. Loki'sWeib nämlich, Sigyn, hält unwandelbar treu bei dem Gefesselten ausund wehrt in rührender Liebe das tropfende Natterngift durch Unterhalteneiner Schale von dem Antlitz des Gatten ab. Ist die Schale voll, sogießt Sigyn sie aus; derweil aber tropft dem Loki das ätzende Gift insGesicht, wogegen er sich in seinen Banden so heftig sträubt, daß die ganzeErde schlittert, und das ist, was die Menschen ein Erdbeben nennen.