Die Vorzeit.
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Das wirbelnde Sturmlied verklingt in dem sanften Säuseln eines neuenSchöpfnngsmorgcns, welcher anhebt, wann die Flammen der Welt-verbrennung ausgetobt haben. In verjüngter Schönheit, im grünsten Schmucke taucht die Erde wieder aus den Meeresfluten auf und Kornwächst darauf ungesäet. Die Äsen erstehen aus ihrer Vernichtung, kommengen Asgard und finden dort die goldenen Ruuentafeln wieder. Auch dasMenschengeschlecht war nicht völlig untergegangen. Ein Menschcnpaar,Lif (Leben) und Lifthrasir (Lebenskraft), hatte sich im Hoddmimirsholzevor Surturs Flammen geborgen und mit Morgcuthau genährt. Bondiesen Beiden stammt ein so großes Geschlecht, daß es die ganze Erde be-wohnen wird. Die Seelen der in der Weltverbrcnnung untergegangenenMenschen aber wohnen in Nastrand (Leichenstrand), wo die Bösen leiden,und in Gimil (Himmel), wo die Guten seliger Wonnen ohn' Endegenießen. So finden wir denn auch im urgcrmanischcn Glauben diebedeutsame Lehre von der endlichen Wiedcrbringung aller Dinge, wobeifreilich anzumerken ist, daß hier christliche Einflüsse thätig gewesen seinmögen. Wenigstens die Lehre von der Bestrafung der Bösen in derHölle und von der Belohnung der Guten im Himmel trägt ganz ent-schieden christliches Gepräge, obzwar der Glaube an eine Fortdauer nachdem Tode der Äsenreligion in ihrer Ursprünglichkcit innewohnte.
Den Kultus der altgermanischen Religion haben wir uns sehreinfach zu denken. In das geheimnißvolle Dunkel der Wälder verlegtegermanische Innerlichkeit die Stätten ihrer Gottesverehrung und verliehder Aeußerung derselben gerne einen geheimnißvollen Anstrich, wie ins-besondere der Dienst der Nerthns (Jörd) auf Rügen (oder Helgoland?oder Seeland?) darthut. Was Tacitus davon erzählt, zeigt übrigens, daßder religiöse Glaube unserer Vorväter einen sänftigenden, fricdestiftcndcnEinfluß auf ihre trotzigen Gemüther geübt hat. Auf die bildliche Dar-stellung ihrer Götter großen Werth zu legen verbot den Germanen schonihre llnerfahrenhcit in der Bildnerci; jedoch war eine solche Darstellungkeineswegs ganz ausgeschlossen. Es beweist dies insbesondere das be-rühmte altsächsische Nationalheiligthum, die Jrminsäule, welche Karl der Große zerstörte. Sie stellte einen bewaffneten Mann vor, in der Rechteneine Fahne haltend, in der Linken eine Wage, als Sinnbild des Kriegs-glückes. Vielleicht war es ein Bild des Saxnot (Zio, Tpr). DemDonar war die Eiche, als Sinnbild der Kraft geweiht. Heilige Stättenwaren außer den Hainen auch Quellen, Wasserfälle, Berggipfel. Außerdem Gebet gehörten, wie alte Bolksgebräuche schließen lassen, auch Ge-sang und Tanz zum Gottesdienste, sowie festliche Umzüge, mit denennamentlich der Wechsel der Jahreszeiten begangen wurde. Die freudigsteFeier dieser Art rief der Frühlingsanfang hervor. Des Gottesdiensteswesentlichsten Antheil aber machten die Qpfer aus; denn der unter den