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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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Das Lhristenlhiim und die Völkerwanderung.

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von Geist und Natur nicht kommen lassen. Unter einem ganz andersorganisirten Volke sollte sich der mythische Prozeß der MenschwerdungGottes vollziehen und sollte diese kühne Fiktion zu einer weltgeschichtlichenMacht werden, wobei jedoch nicht zu vergessen ist, daß Hiebei griechischeMythologie und Philosophie ebenso einflußreich gewesen wie die orientalischeKrast der Abstraktion, wodurch sich Judäa von jeher ausgezeichnet hatte.Nur mittels dieser Kraft war es dem großen hebräischen Staatsmannund Patrioten gelungen, sein Volk aus polytheistischer Zerfahrenheit undzugleich aus dem politischen und sozialen Schmutz ägyptischer Sklavereiherauszureißen. Der Gott, welcher durch die mosaische Gesetzgebung alsNrlionalgott und höchster Herrscher Israels proklamirt wurde, steht in-mitten der buntwimmelnden lasciven alten Götterwelt wie ein unfaßbarerund doch allmächtiger, wie ein unbegreiflicher und doch alle Verhältnissedes Lebens durchdringender und beherrschender Gedanke da. Die ganzejüdische Geschichte ist nur ein schmerzliches Ringen, sich dem tyrannischenJoche dieses eifersüchtigen und grausamen Monotheismus zu entziehen.Dem vvrschreitenden religiösen Bewußtsein konnte aber die Idee einerGottheit, die sich ewig unnahbar in metaphysische Wolken hüllte, in dieLänge nicht genügen. Daher die leise allmälige Reform, welche namentlichseit der babylonischen Gefangenschaft, wo die Juden mit der Glaubens-lehre Zarathustra's bekannt geworden, im Jahveglauben vor sich ging,eine Reform, die sich in der Hindentung aus eine große Verjüngung derNation, in der Lehre vom Kommen eines Messias prophetisch ankündigte.Wunderbar traf die Erfüllung solcher Weissagungen mit einer sehnsüchtigreligiösen Stimmung zusammen, welche die Verworfenheit und Abgelebtheitder abendländischen Welt in allen edleren Gemüthern geweckt und dieplatonische und stoische Philosophie genährt hatten. Als daher derProphet von Nazareth, der Apostel der endlich gefundenen mystischenGottmenschheit, die tröstlichen Worte sprach: „ Kommt alle zu mir? dieihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken! —" da lauschtedas Ohr von Millionen der frohen Botschaft und vor den anbrechendenStralcn einer Weltreligion traten alle die Nationalgötter geblendet zurück.Wahrhaft erhaben in ihrer einfachen Größe steht die christliche Kirche derersten Zeiten da, sie, die aller Menschen Gleichheit und Brüderschaftnicht nur lehrte, sondern auch übte. Sobald sie aber aus einer leidendenund streitenden Kirche zur triumphirenden, aus einer brüderlichen Ge-meinde zur Priesterdomäne wurde, sobald sie einer der lasterhaftestenMenschen, die je gelebt, Konstantin der Heilige, zum Werkzeuge derPolitik, zur Polizeianstalt, zur Staatsreligion machte, war ihre Gloriedahin. Daß sie dessenungeachtet eine weltbeherrschende Stellung errangund behauptete, das verdankte sie dem Umstand, daß germanische Jugend-kraft , welche zur gleichen Zeit den alterschwachen gesellschaftlichen Körper