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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
Entstehung
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398
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es sich überall um's Nachahmen und so war man, nachdem man dieKopir-maschine lange genug in Italien , Spanien und Frankreich herumgeschleppthatte, mit derselben endlich bei der englischen Literatur angelangt, welcheglücklicherweise gerade damals durch Dichterwie Thomson, ?)onng, Cowperund Grah von der einseitigen Gallomanie des Zeitalters der KöniginAnna erlöst worden. Die gänzliche Nnllität boilean'schen Alexandriner-thums, wie es die berliner und dresdener Hofpoeten Ka n i tz, Besserund König zu Markte trugen, bekam man denn doch in Deutschland allmälig satt. Man begrüßte daher jeden frischeren Naturlant, wie erin den Studentenliedern Christian Günthers (st. 1723) anzuklingenschien; man bezeigte der englischen Natnrmalerei, auf welche Barthold Heinrich Brockes (st. 1747) schüchtern hinwies, Aufmerksamkeit, ließsich durch Albrecht von Haller (st. 1777) mit Genuß in seinenAlpen "herumführen, hörte mit Freuden auf die sokratisch heiteren Lieder undGeschichtchen Friedrichs von Hag ed orn (st. 1754), ohne eben genauzu untersuchen, daß im Grunde diese Männer alle über die französirendeKonvcnienzpvesie noch keineswegs hinausgekommen seien; man sah zwarmit Lachen den wackeren Liskow (st. 1760) seine satirische Geißel überdie elenden Skribenten" schwingen, hielt aber daneben doch wiederJohann Christoph Gottsched (st. 1767) für einen großen Mann,Gottsched, dessen sprachreinigenden und sprachebereichernden Verdienstenals Forscher und Sammler durchaus nicht zu nahe getreten werdendarf, der aber, nachdem er die eigene poetische Impotenz durch seinensterbenden Cato" flagrant bewiesen nnd seine kritische Befangenheitin französischer Unnatur durch Bekrönung so jämmerlicher Machwerke,wie die schönaich'sche Hermanniade war, offenkundig dargethan hatte,dennoch fortfuhr mit dummdreister Anmaßlichkeit als Orakclgeber derKunstkritik sich zu gebärden und mit kleinlichem Neide aufstrebendeTalente zu befehden.

Inzwischen hatten die deutschen Komödiantenbande», von den Poetenverlassen, das Schauspielwesen auf eigne Faust fortgeführt. Da und dorttrat ein talentvoller Student oder Magister, wie Johann Beltheneiner war, an die Spitze einer wandernden Truppe, deren Mitgliederdann auch zeitweilig an den Höfen agirten, mit dem Rang vonHoff-Bedienten" und einer jährlichen Gage von 150 Gulden, währenditalische Sänger nnd Sängerinnen z. B. am kursächsischeu Hofe schon 1687Jahrgehalte von 1500 Thalern erhielten. Belthen bereicherte seinRepertoir durch die llebertragung von Molivre's Komödien, derenwirkliche Menschen in Deutschland besser gefielen als die aufgebauschtenPuppen der französischen Tragödie. Aber neben solchen Erwerbungenaus der Fremde schoß, jene überwuchernd, auf den Wanderbühnendie Stegreifkomödie so üppig auf, daß die Schauspieler zuletzt auf den