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Buch M, Kap. 1.
Es ist feststehende Thatsache, daß das Prinzip der Bewegung inder modernen Welt von der germanischen Raste ausgegangen. Diegermanische Freiheit der Persönlichkeit ist seine Mutter. Sein Kampfmit dem romanischen, auf Alt-Roms absolutistische Staasidee basirtenAbsolutismus in Staat und Kirche macht den eigentlichen Inhalt dermodernen Geschichte aus — modern als Gegensatz zu antik genommen.Nachdem es im Mittelaltcr den größten Männern unserer großen Kaiser-dynastieen nur annähernd und zeitweilig gelungen, den romanischenStaatsabsolutismns in Deutschland durchzuführen, erfolgte am Ausgangder genannten Periode jene Reaktion der germanischen Gemcinfreiheitund des germanischen Partikularismus, welche die Einheit des deutschenReiches thatsächlich vernichtete. Die Form, in der diese Reaktion zurErscheinung kam, war die fürstliche Tcrritorialmacht, welche die gleich-zeitigen Befreiungsversuche vom romanisch-kirchlichen Absolutismus vor-trefflich für sich zu benutzen verstand. Die Reformation scheiterte inDeutschland gerade in ihren besten Bestrebungen, aber diese fanden indem stammverwandten England einen Boden, der ihnen Nahrung undGedeihen sicherte und sie soweit kräftigte, daß sie, auf die jungfräulicheErde Amerikas verpflanzt, dort der germanischen Rasse ein ungeheuresErbtheil gewannen, einen förderativ-gemeinfreien, einen wahrhaft ger-manischen Staat gründeten.
Inzwischen hatte in Europa der Nomanismus, und zwar nicht derreligiöse allein, im Jesuitismus eine Wiedergeburt erlebt, die von denbedeutendsten Folgen sein mußte. Der staatliche Absolutismus, bestenmustergebende Pflanzschnle seit Ludwig XI . Frankreich geworden war,verband sich aufs engste mit dem jesuitisch - restaurirtcn Katholicismus,welcher gegen den Protestantismus feindselig zu reagircn fortfuhr, ob-gleich dieser, soweit er ein staatskirchlicher war, alles Mögliche that, denUnterschied zwischen ihm und jenem bis auf unwesentliche Formen undFormeln verschwinden zu machen. Immerhin aber lagen im Protestan tismus germanische Entwickelungskeime, von welchen dem romanischenAbsolutismus fortwährend Gefahr drohten, und deßhalb folgte der Ge-walthaber, welcher den absolutistischen Romanismus in der modernenWelt zuerst vollendet in sich darstellte, Ludwig XIV. , nur dem logischenZwange seiner „ Staatsraison", wenn er daheim und auswärts das pro-testantische Element rastlos und unerbittlich befehdete. Ludwig XIV. brachte das von dem elften Ludwig begonnene und von dem KardinalR ichelieu fortgeführte Unternehmen zu Ende: er stellte auf den Trüm-mern des Feudalismus und der Hugenotterie seinen romanisch-absolut-autokratischen Staat hin, den Staat, welcher ob der recht- und willen-losen Masse der Unterthanen — Bürger kannte er keine — den Königals einen unfehlbaren, kniefällig zu verehrenden Gott thronen ließ, den