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Iwritcs Kapitel.
Die deutsche Gesellschaft des 18. Jahrhunderts.
Trachten und Moden — Bürgerliche Häuslichkeit. — Die Höfe und ihre Um-gebungen. — Der wiener Hos. — Maria Theresia . — Kaunitz . — Derberliner Hof. — Friedrich WilhelmI. — Der dresdener Hos. — August derStarke. — Der baircuther Hof. — Der stuttgartcr Hos. — Die HerzogeEberhard Ludwig , Karl Alexander und Karl Eugen . — Casanova inDeutschland . — Die Assen eines großen Mannes. — Friedrich II. —Joseph II. — Friedrich Wilhelm II. — Die geistlichen Hose.
Seitdem eine unsaubere Partei es unternommen hat, das Jahr-hundert der „Aufklärung" mittels einseitigster Betonung seiner Aus-schreitungen zu verleumden, seitdem jeder brüllende Bonze und jedermeckernde Mucker sich gedrungen fühlt, jenes schuftigen Apostaten Stich-wort vom „Aufkläricht" nachzuplappern, seitdem ist es in Sakristeien ,Konventikeln und derartigen Lokalitäten mehr fromme Mode geworden,über die Gesellschaft des 18 . Jahrhunderts mit geringschätzigem Achsel-zucken abzusprechen. Um die wahren Motive dieser afsektirten Gering-schätzung zu verbergen, bedient mau sich der landläufigen Redensartenüber die „Zopfperiode" und „Reifrockzeit". Damit wähnen die Ge-schichtefälscher jene große Zeit unter die Schablone des Barocken, Putzigen,Lächerlichen bringen zu können; allein dieser Versuch erbringt nur dennnwidersprcchlichen Beweis, daß die Unwissenheit solcher Gesellen nochgrößer ist als ihre Unverschämtheit.
Denn nichts fürwahr kann oberflächlicher und verlogener sein alsdie Schablonisirnng eines Jahrhunderts, das vielleicht das vielgestaltigsteund gegensätzereichste der Weltgeschichte gewesen ist. Ja, wenn je einZeitalter die Philosophie der menschlichen Gesellschaft, die Philosophieder Geschichte bereichern konnte, so war es gewiß das 18 . Jahrhundertmit der kaleidoskopischen Buntheit seiner Kontraste, in welchen sich daskühnste Denken und die raffinirteste Genußsucht, das mystisch-verzücktesteFühlen und das edelste wissenschaftliche und dichterische Streben, diephilisterhafteste Berknöchcruug und das revolutionärste Wollen, kolossaleLaster und reinster Idealismus, kynischer Skepticismus und kindlichsterGlaube, verhärmtster Egoismus und sentimentalste Schwärmerei, scham-loseste Wegwerfnng alles Vaterländischen und tüchtigstes Wiederherstellender Natioualehre, wunderbar durchkreuzten. Es wäre eine Aufgabe,des größten Geschichtschreibers würlig, ein umfassendes Gemälde derSittengeschichte dieser Zeit zu liefern. Wir unsererseits wollen und