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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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Buch III, Kap. 2.

immer wäre, alle französischen Hemder und weiten Göller" u. s. w.

Aber wann hat sich die launische Tyrannin Mode um Luxusgesetze ge-kümmert? Unsere Aeltermütter waren in vollem Staate wirklich ebensoluxuriös als bizarr gekleidet und die Gegensätze der Zeit kamen in ihremAnzug auffallend zum Vorschein. Welch ein Gegensatz zwischen dem dienntere Hälfte des Körpers übermäßig streng verhüllenden Reifrock unddem knappen, den Liebreiz des Busens dem lüsternen Blicke frivol preis-gebenden Korset! Die Damengala war überreich an schweren kostbarenStoffen, Seide und Atlas, Federn, Gold- und Steiuschmuck.

Versuchen wir es, dem Leser eine junge Schöne von damals imBallanzuge vorzustellen. Auf dem Kopfe baut sich ihr ein enormer, aufeinem kreisrunden Wulst ruhender, aus verschiedenen Stockwerken be-stehender und gepuderter, mit Blumen, Federn und Bändern verschwen-derisch verzierter Haarthurm in die Höhe, welcher ihre natürliche Größewenigstens um eine Elle erhöht. Die entgegengesetzte Extremität, derFuß, wird durch ein zollhohes, an der Sohle des Ballschuhes von Sam-met oder Atlas angebrachtes Stelzchen gezwungen, auf seiner Spitze zuschweben. Das aus eng aneinandergereihten Fischbeinstäbchen harnisch-artig zusammengefügte Korset zwängt Arme und Schultern zurück, denBusen heraus und schnürt die Taille über den Hüften wespenhaft zusam-men. Ueber den ungeheueren Reifrock fließt ein mit tausend Falbeln gar-nirtes Seidengewand hinab und über dieses das mit einer Schleppe ver-sehene Oberkleid von gleichem Stoff, welches, zu beiden Seiten mit reichemBesätze geschmückt, vorn auseinauderfällt. Die Aermel desselben, mit Blon-den überladen, reichen bis zum Ellbogen, während der lange parfllmirteHandschuh den Vorderarm deckt. Die Schminkkunst war raffinirt aus-gebildet, da und dort aber jüngeren Personen von der Sitte untersagt.Ueberall aber führte die elegante Dame ein Perlmutterdöschen, welcheseinen Borrath der aus schwarzem englischem Pflaster geschlagenen Wu-schen" enthielt. DieseSchönheitspflästerchen", welche in Gestalt vonSternchen, Möndcheu, Herzchen, Amoretten in den Augenwinkeln, aufWange und Kinn getragen wurden, sollten den Ausdruck des Mienenspielserhöhen. Das 18 . Jahrhundert hat aber diese wunderliche Toilettekunstnicht erfunden, sondern nur aus dem vorhergehenden herübergenommen;denn es findet sich schon inPhilandersGesicht von denVenus-Narren"die Notiz:Etliche Mehgdlein, damit sie schamhafft erscheineten, ver-pflasterten daß Gesicht hie vnd da mit schwartz daffeten schandflecken, derensie sich doch selbst nicht schämmeten." ;

Man denke sich jedoch eine Gesellschaft von Herren und Damen ausjener Zeit, wie sie in ihrem barocken Putze und ihren steifgezirkelten Be-wegungen auf dem Parket eines von Kerzen stralcnden, mit phantastischgeschnörkeltem Rokoko-Mobiliar i) ausgezierten Salon in den zierlichen