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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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429
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Die deutsche Gesellschaft des 18. Jahrhunderts.

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Zufall entriß ihn noch der tödtlichen Umarmung der Bestie. Ein ander-mal beschoß man ihn in seinem Zimmer mit Raketen und Schwärmern.Oft ereignete eS sich, daß der arme Mann beim Nachhansekommen ausdem Tabakskollegium die Thüre seines Zimmers zugemauert fand unddann die ganze Nacht mit Suchen derselben verbrachte. Endlich beriefman ihm als Nebenbuhler den durch seine Gespräche im Reiche derTodten" bekannten Faßmann, der auf des Königs Befehl eine Satireauf Gundling verfaßte und sie im Tabakskollegium vorlas. Gundlingwurde so wüthend, daß er dem Satiriker die zum Anbrennen der Pfeifenmit glühendem Torf gefüllte Pfanne ins Gesicht warf. Darauf packteFaßmann den Gegner, entblößte ihm in des Königs Gegenwart einengewissen Körpertheil und bearbeitete denselben mit der Pfanne so, daßGundling mehrere Wochen lang nicht zu sitzen vermochte. NachdemGuudling an vielem Trinken gestorben und in einem Weinfaß begrabenworden war, trat der Magister Morgenstern an seine Stelle. Zwischendiesem Morgenstern und den Professoren an der Universität zu Frank­ furt a. d. O. veranstaltete der König eine Disputation über das Thema:Gelehrte sind Salbader und Narren." Morgenstern stand auf demKatheder in einem blausammetnen, mit großen rothen Aufschlägen ver-sehenen, mit lauter silbernen Hasen gestickten Kleide, mit rother Weste,einer über den ganzen Rücken hinunterhängenden Perücke, statt des De-gens einen Fuchsschwanz an der Seite. Nachdem die Disputation unterungeheurem Halloh eine Stunde gewährt hatte, ließ der König inne-halten, bekomplimentirte Morgenstern, drehte sich um, Pfiff und klatschtein die Hände, was alle Anwesenden nachahmten. Aehnliche groteskeScenen fielen bei den Festen vor, welche dann und wann bei Hofe statt-fanden. Da war es stehende Sitte, daß der König, nachdem die Tafelaufgehoben war und die Königin sich mit den Damen entfernt hatte,mit seinen Generalen und Obersten tanzte. In seinen alten Tagenverfiel Friedrich Wilhelm religiösen Skrupeln. Strenggläubig war erimmer gewesen und hatte sich daher durch die Denunciation der Pietistenleicht zu jener despotischen Härte bereden lassen, womit er 1723 denPhilosophen Wolf alsUnchristen" aus Halle verjagte. Freilich hattezu dieser Maßregel bedeutend mitgewirkt, daß man dem König weis-machte, Wolf lehre einFatum", welches dielangen Kerle" zum De-sertiren zwinge. In feinen Anwandelungen von Frömmelei wurde derKönig, der Behauptung seiner Tochter zufolge, welche es übrigens indiesem wie in anderen Fällen, mit der Chronologie nicht sehr genaunimmt, besonders durch den bekannten Pietisten Francke bestärkt.Die-ser Geistliche, erzählt die Markgräfin von Baireuth, verwarf alle Ver-gnügungen als vcrdammlich, selbst die Musik und die Jagd: man sollteeinzig und allein vom Worte Gottes sprechen, alles andere war verboten.