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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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433
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Die deutsche Gesellschaft des 18 . Jahrhunderts. 433

banden sich in dem Manne Wollust und Grausamkeit in selteneni Grade.Während der dreijährigen Regierung des Herzogs wurden durch Süßdem armen Ländchen mittels Stellen-Verkaufs und anderer widerrecht-licher Finanzereien über eine Million Gulden abgepreßt. Der Wild-schaden betrug 1738 eine halbe Million, ungeachtet ein Jahr zuvorbei den herzoglichen Jagden dritthalbtausend Hirsche, viertausend Wild-und Schmalthiere und fünftausend Wildschweine waren getödtet worden,sind doch war die Herrschaft der Grävenitz und des Juden Süß nur dasVorspiel zu der Tyrannei und Ueppigkeit, welche die Regierung desHerzogs Karl Eugen (von 1744 an) entfaltete. Um eine Vorstellungdavon zu geben, bedienen wir uns der Worte des sehr gemäßigtenPrälaten Johann Gottfried Pahl : Stuttgart war damals der Sitz desVergnügens und der Hof der prächtigste in Deutschland . Um den Glanzdesselben zu vermehren, hatte man eine Menge fremden Adel ins Landgezogen. Es wimmelte von Marschällen, Kammerherrcn, Edelknabenund Hofdamen; mehrere von ihnen genossen großer Gehalte. In ihremGefolge erschien ein Heer von Kammerdienern, Heiducken, Mohren,Läufern, Köchen, Lakaien und Stallbedienten in den prächtigsten Livreen.Zugleich bestanden die Korps der Leibtrabanten, der Leibjäger und derLeibhusarcn, deren Uniformen mit Gold, Silber und kostbarem Pelzwerkebedeckt waren. Für den Marstall wurden die schönsten Pferde angekauftund zum Theil um außerordentliche Preise aus den entferntesten Ländernherbcigebracht. Einen ungeheuren Aufwand erforderten das Theater,die Oper, die Ballete und die Musik. Die größten Künstler wurdenaus Frankreich und Italien herbeigerufen. Noverre war Direktor desBallets , Jomelli Kapellmeister und selbst Vestris mußte sich zwischenStuttgart und Versailles theilen. Letzterer sah seine Kunstleistungen mit12,000 Gulden jährlich belohnt. Man führte Opern auf, zu denendie Vorbereitungen einen Aufwand von 100,000 Gulden erforderten.Oefters, besonders an den Geburtsfesten des Herzogs, wurden Feierlich-keiten veranstaltet, an denen man alles vereinigt sah, was irgend Kunstund Pracht zu Stande bringen konnten. Um die Zahl der Bewundereraller dieser Herrlichkeiten zu vermehren, lud man eine Menge Fremdervon Stande ein, die auf Kosten des Hofes lebten. Manches Geburtsfestverschlang 3400,000 Gulden. Da erschien alles im höchsten Glänze,es wurden die prächtigsten Schauspiele und Ballete gegeben; Veronese brannte Feuerwerke ab, die in wenigen Minuten eine halbe Tonne Goldesverzehrten. Der ganze Olymp wurde versammelt, um den hohen Herrscherzu verherrlichen, und die Elemente und die Jahreszeiten brachten ihmihre Huldigungen in zierlichen Versen dar." Die letzteren Worte sindvon Urivat, dem Bibliothekar des Herzogs, welcher die Obliegenheit hatte,die Festivitäten im pompösesten, mit den niederträchtigsten SchmeicheleienScherr, Kulturgeschichte. 4. Ausl. 28