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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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439
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Die deutsche Gesellschaft des 18 . Jahrhunderts.

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Kulturbestrebungen, so außerordentlich heilsam dieselben im Ganzen auchwirkten, große Mißgriffe begehen. Die Verachtung der nationalenElemente der Bildung brachte eine oberflächliche Französirung zuwege,deren Folgen dem alten Fritz zuletzt selber höchlich mißfielen.Ich willkeine Franzosen mehr," schrieb er in seinem Alter,sie scindt gar zuliderlich." Von dem Augenblicke an, wo er kurz nach seiner Thron-besteigung au den Minister der kirchlichen Angelegenheiten die berühmteWeisung erließ:Die Religionen müsen alle tolleriret werden und Musder Fiscal nuhr das Auge darauf haben, daß keine der andern abrugTuhe, den hier mus jeder nach Seiner Fasson Selich werden" warer unermüdlich auf Bekämpfung des Fanatismus und der Intoleranzbedacht; allein nie ging er von dem Prinzip ab, daß ihm die Macht zu-stehe, nach Gutdünken über Eigenthum und Leben seiner Unterthanenzu verfügen. Er statuirte Rede- und Schreibfreiheit, doch sagte er zu-gleich:Raisonnirt, soviel ihr wollt und worüber ihr wollt, abergehorchtund zahlt!"

Es liegt uns eine Reihe unverwerflicher Zeugnisse von Zeitgenossenüber die berliner Zustände unter Friedrich vor, von welchen wir einigehier mittheilen wollen. In einem Briefe Lessings vom 25. August 1769an Nikolai, den bekannten Buchhändler und Schriftsteller, welcher derMittelpunkt der berliner Aufklärung war, heißt es:In dem französirtenBerlin reducirt sich die Freiheit, zu denken und zu schreiben, auf dieFreiheit, gegen die Religion so viele Sottisen, als man will, zu Marktezu bringen. Lassen Sie einmal einen in Berlin versuchen, über andereDinge so frei zu schreiben, als Sonnenfels in Wien geschrieben hat,lassen Sie es ihn versuchen, dem vornehmen Hofpöbel so die Wahrheitzu sagen, als dieser sie ihm gesagt hat, lassen Sie einen in Berlin auf-treten , der für die Rechte der Unterthanen, der gegen Aussaugung undDespotismus seine Stimme erheben wollte, wie es jetzt sogar in Frank­ reich und Dänemark geschieht, und Sie werden bald die Erfahrungmachen, welches Land bis auf den heutigen Tag das sklavischste in Europa ist." Damit stimmt, wenn dem berühmten italischen Dichter Alfieri imJahre 1770 der preußische Staatmit seinen vielen Tausenden bezahlterSatelliten, der einzigen Basis der willkürlichen Gewalt," wie eineungeheure, ununterbrochene Wachtstube" vorkam und Berlin wie einegroße Kaserne, welche Abscheu einflößte. Hingegen äußerte sich derenglische Tourist Moore, welcher 1775 Berlin besuchte, also:Nichtsbefremdete mich, als ich hierher kam, mehr als die Freimüthigkeit, womitviele Leute von den Maßregeln der Regierung und dem Betragen desKönigs sprechen. Ich habe Politische Sachen und andere, die ich für nochkitzlicher gehalten hätte, hier ebenso frei wie in einem londoner Kaffee-hause behandeln hören." Ueber die sittlichen Verhältnisse der Residenz