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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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441
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Die deutsche Gesellschaft des 18 . Jahrhunderts.

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gegangen. Und dem alten Fritz bin ich recht nah worden, da hab' ichsein Wesen gesehen, sein Gold, Silber, Marmor, Assen, Papageien undzerrissene Vorhänge, und hab' über den großen Menschen seine eigenenLumpenhunde raisonniren hören."

Das Hofleben in Wien unter Joseph II. bietet keine sehr hervor-tretenden Seiten dar. Der edle Kaiser betrachtete sich mit noch größererGewissenhaftigkeit denn Friedrich als den ersten Diener des Staates undsein Leben gehörte diesem so ganz, daß er keine Zeit hatte, persönlichenLiebhabereien nachzugehen. Nur selten wohnte Joseph einer Jagd bei,weil dieses Vergnügen, wie er sagte, gemeiniglich den Unterthanenschädlich sei, das Gemüth zerstreue und Gelegenheit gebe. ernsthaftereBeschäftigungen darob zu Unterlasten. Nie spielte er und bei Gelegenheitseines Besuchs am versailler Hofe um den Grund befragt, gab er zurAntwort:Ich spiele nicht, weil ein Fürst, wenn er im Spiele verliert,von seiner Unterthanen Gelde verliert." Joseph hatte keine Maitresse.Nachdem er seine erste Gemahlin, die geliebte Jsabella von Parma, ver-loren, suchte und fand er für die Qualen seiner zweiten Ehe mit Josephevon Baicrn Trost in dem Umgang mit einigen liebenswürdigen Damender höheren Gesellschaft. Wenn dieser Umgang vielleicht dann und wanndie Gränzlinie der Freundschaft überschritt, so überschritt er doch niedie Schranken der zartesten Wohlanständigkeit. Von einem Wüstlinghatte Joseph kein Aederchen in sich und es muß daher Wohl auch dieBehauptung, seine Feinde hätten den Kaiser durch infizirte Dirnen ver-giftet , welche man als Bauermädchen verkleidet im Garten von Schön-brunn das Gras haben mähen lassen, aller Begründung ermangeln.Joseph führte eine einfache und thätige Lebensweise. Er war weder imEsten ein Gourmand, noch in der Kleidung ein Kyniker wie Friedrich.Nie kamen mehr als sechs Schüsseln auf seine Tafel, selten trank erWein. Trug er nicht die Uniform eines seiner Regimenter, so hatte ereinen einfachen Rock von dunkler Farbe an. Den Hofstaat seiner Mutterverminderte er um die Hälfte und begnügte sich, jährlich eine halbe MillionGulden auszugeben, statt wie jene 6 Millionen. Er liebte die Musik,namentlich die deutsche, und spielte das Violoncell. Mozart , der unterseiner Regierung seine herrlichen Tonwerke dichtete, schätzte er hoch; seinlitcrarifcher Geschmack aber war so mangelhaft gebildet, daß er Blumauerüber Wieland stellte. Die Hast, womit sein sanguinisch-cholerisches Tem-perament den Kaiser seine Neformplane ins Werk setzen ließ, machte die-selben scheitern. Friedrich hatte Recht, zu sagen, Joseph thue immer denzweiten Schritt vor dem ersten. Allein sein Wollen war rein und ernst,seine Begeisterung für Aufklärung und Beglückung seiner Völker auf-richtig. Bei allem Unglück, das seine Bestrebungen verfolgten, war docher es, welcher Oesterreich der spanisch-mittelalterlichen Versumpfung