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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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447
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Die deutsche Gesellschaft des 18. Jahrhunderts (Schluß).

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So eine eigenthümliche Gestalt ist zuvörderst der Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (17001760), an welchen sich das Herrnhnter-thustl, die Spitze des Pietismus, knüpft. Schon auf dem Pädagogiumzu Halle stiftete erzum Dienste des Heilands" eine separatistischeOrdensgesellschaft, welche sich die Aufgabe stellte,die Weltlichkeit ab-zuthun , Glieder bei Christo zu bleiben und die Heiden zu bekehren."Später, auf der Universität Wittenberg , trieb ihn der dort herrschendeorthodoxe Zelotismus dem Pietismus noch entschiedener in die Arme, sodaß er, der achtzehnjährige Jüngling, bei denkünstlichen Lektionen desTanzmeisters und Bereiters den Heiland zu Hilfe rief, um die Schuledieser Eitelkeiten rascher durchzumachen." Auf den Reisen, die er nachvornehmer Mode zu seiner weiteren Ausbildung unternahm, stellte er sichder frivolen Societät überall als ein angehender protestantischer Heiligerdar und trat, heimgekehrt, seine erwählte Braut dem gleich religiös-aufgespannten Herzensfreund, Heinrich XXIX . von Reuß , ab, damit einexcnipelgebendes Vorspiel der widrig-asketischen Herrnhutischen Gatten-wahl statuirend. Im I. 1722 gewährte er auf seinem Gute Bertholds-dorf in der sächsischen Oberlausitz den von der Orthodoxie allenthalbenverfolgten mährischen Brüdern ein Asyl. Dort entstand die GemeindeHerrnhut , deren Gesellschaftsverfassnng mit allen ihren Sonderbarkeitenrasch sich ausbildete und von welcher bald Sendboten in alle Welt aus-gingen. Dem Grafen genügte aber seine innereErwecknng" noch nicht-er wollte auch eine äußerlicheBesicgeluug" seiner Mission haben undlegte deßhalb vor dem Ministerium der Stadt Stralsund ein theologischesExamen ab. Dann ließ er sich von der Fakultät zu Tübingen in dieReihe der Predigtamtskandidaten aufnehmen und betrat, von einem Hei-ducken gefolgt, der ihm die Bibel nachtrug, zum ersten Mal die Kanzel,im schwarzen Sammetkleide mit langem Mantel, Stern und Ordensbande.Die Apostelschaft hatte demnach die Gräflichkcit in ihm noch nicht völligüberwunden. Nachdem er dann in Berlin durch den Einfluß höfischerVerbindungen die Bischofswcihe erhalten, trat er seine großen Missions-reiscn an, die ihn auch nach Amerika führten. Obgleich immer in Be-wegung, schrieb er über hundert Bücher, welche theils zur Belehrung undErbauung der Brüdergemeinde, theils zur Vertheidigung derselben gegendie Angriffe von seilen der Orthodoxie bestimmt waren. Seine geist-lichen Lieder, die noch jetzt im herrnhutischeu Gesangbuch stehen, bewegensich mit wenigen Ausnahmen in süßlich-mystischen Ausdrücken undgreifen, um das Verhältniß des Seelenbräutigams Christus zu seinerBraut, der Gemeinde, darzustellen, oft zu lüstern-zweideutigen undunflätig. anstößigen Wendungen. Gegenüber solcher Lämmleinbrnder-schaftswollüstelei war das wüthende Grunzen der Orthodoxen nicht un-gerechtfertigt °).