Buch 
Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
Entstehung
Seite
471
JPEG-Download
 

Die deutsche Gesellschaft des 18 . Jahrhunderts (Schluß)

471

.geschwächtesten Latein und auf der andern im fürchterlichsten Deutsch, dieBegebenheiten nach jesuitischen Grundsätzen mit einer Menge Fabelnund Verdrehungen erzählt sind. Ganz früh sucht man den zarten Ge-müthern allen nur möglichen Haß gegen Ketzer und Neuerungen einzu-trichtern. Kommt daher so ein Mensch aus einer pfälzischen-katholischenSchule, so ist er kraß wie ein Hornochse. Die lutherischen und refor-mirten Schulen sind noch zehnmal elender. Da dcciren nicht einmalLeute, die ein bisse! Latein verstünden. Die Schulmeister ahmen über-haupt ihren Herren Pfarrern nach, legen sich auf die faule Seite undaufs Saufen." Laukhard trieb sich, der Schule entwachsen, auf mehre-ren Universitäten um und seine Schilderungen derselben zeigen uns, wieviel mittelalterliche Rohheit an den sogenannten Musensitzcn noch immerzu Hause war.Der Ton der Studenten oder Bursche zu Gießen war-ganz nach dem von Jena eingerichtet und zwar durch die vielen relegirtenJenenser, die dahin kamen. Wer ein honoriger Bursch sein wollte, gingwenigstens des Abends in eine der vielen Bierkneipen die rheinischeMaß Bier kostete zwei Kreutzer soff bis zehn oder elf Uhr und schobhernach ab. Da man es für Pedauterei hielt, von gelehrten Sachen zusprechen, so wurde von Burschen-Afsairen diskurirt und größtentheilswurden Zoten gerissen. Ja, ich weiß noch recht gut, daß man in Eber-Hards-Busch-Kneipe ordentliche Vorlesungen über Zotologie hielt, worüberein Kompendium im Manuskript da war. In Gießen waren die Kom-merse erlaubt und wir haben vielmals auf der Straße kommersirt. Diemeisten Studenten traten einher wie die Schweine. Ein Flausch wardes Burschen Kleid, Sonntag und Werktag. Dazu trug er lederne Bein-kleider und lauge Reiterstiefel. Schlägereien waren gar nicht selten undman schlug sich auf öffentlicher Straße. Der Herausforderer ging vordas Fenster seines Gegners, hieb einige Mal mit seinem Hieber insPflaster und schrie: Pereat N.N. der Hundsfott, der Schweinekerl! Nunerschien der Herausgeforderte, die Schlägerei ging vor sich, endlich kamder Pedell, gab Inhibition, die Rauser kamen ins Karcer und so hatteder Spaß ein Ende. Zu den groben Unanständigkeiten, welche in Gie­ ßen Mode waren, gehörten die Generalstallung und das wüste Gesicht.Jene wurde so veranstaltet, daß zwanzig, dreißig Studenten, nachdem siein einem Bierhause den Bauch weidlich voll Bier geschlungen hatten, sichvor ein Haus, worin Frauenzimmer waren, hinstellten und nach ordent-lichem Kommando und unter einem Gepfeife, wie es bei Pferden ge-bräuchlich ist, sich viehmäßig erleichterten. Das garstige oder wüste Ge-sicht war eine Larve von scheußlichem Ansehen, welche an einem Bündelzusammengerollter Lappen auf einer hohen Stange befestigt war. Mitdieser Larve trat der Student Abends vor ein Haus, wo die Leute imzweiten Stocke wohnten, und klingelte. Kam nun jemand an's Fenster,