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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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Buch 111, Kap. 6.

um fünf, sechs, sieben, acht Uhr trennten, Viele von demselben Stuhleaufstehend, auf den sie sich den Abend vorher niedergesetzt." Dempreußischen Alkibiades durfte natürlich auch eine berlinische Phryne, Lais oder Timandra nicht fehlen und die Reize wie die Buhlkünste dieserdrei hellenischen Hetären fanden sich vereinigt in der Pauline Wiesel ,einem Buhlweib von wundersamer Schönheit und messalinarischemTemperament. Beim Anblick der wüthenden Leidenschaft, welche diesesdämonisch-lüderliche Geschöpf dem Prinzen eingeflößt hatte, begreift manden Vampyrismus der slavischen Mythen- und Sagenwelt. Ganzanderen Schlages und unendlich viel edlerer Art ist das Verhältniß despreußischen Alkibiades zu der Jüdin Rahel Levin gewesen, welchefür diesenmenschlichsten Prinzen seiner Zeit", wie sie ihn nannte, intiefverschwiegener Brust eine glühende Liebe hegte, während er in ihrseinenbesten Freund" sah und achtete. Rahel , die später denbiographischen Porzellanmaler Varnhagen von Ense heiratete, war mitihrem durchdringenden Verstand und mit ihrer Seele voll Adel eine deranziehendsten Persönlichkeiten der Rcstaurationszeit. Ohne als Schrift-stellerin aufzutreten, hat sie durch persönliche Anregung und Briefwechselhöchst bedeutend auf die damalige Kulturphase eingewirkt und namentlichdas Verständniß und die Würdigung Göthe's gefördert. Mit ihr undBettina hebt die einflußreiche Stellung an, welche sich die Frauen seitherin unserer Literatur zu verschaffen wußten, eine Stellung, die allerdingsdem Dilettantismus großen Vorschub, leistete, aber zugleich auch mächtigdazu beitrug, die Resultate unserer Bildungsgeschichte dem Leben innigerzu assimiliren.

Während aber die berliner Gesellschaft in dem oben berührten Stiledie schlechteste Erscheinungsform des 18. Jahrhunderts fortsetzte undwährend die Genialenantike Symposien" feierten, zog über Preußenjenes Gewitter herauf, dessen Blitze sich bei Auerstädt und Jena (1806)entluden, den faulen Staat zertrümmernd, welcher unter der Leitungdes unsauberen Trifoliums Haugwitz, Lombard und Lucchesini planlosin den Wirren der Zeit schwankte. Prinz Louis, welcher seine Jugend-genialitäten durch einen braven Soldatentod bei Saalfeld sühnte, haltevergebens gewarnt,Preußen werde von der französischen Macht über-stürzt werden, wenn dieser der Krieg gerade recht sei, und dann ohneHilfe, vielleicht auch gar noch ohne Ehre fallen." So geschah es. Jeneunheilvolle Zerklüftung Deutschlands , welche in Preußen Schadenfreudeerregt hatte, als die Oestreichs bei Austerlitz waren geschlagen worden,fiel jetzt mit ihrer ganzen Wucht auf Preußen zurück. Napoleon konntesich kaum von seinem Staunen über den unglaublich raschen und leichtenSieg erholen, welchen er im Feldzug von 1806 über die MonarchieFriedrichs des Großen davongetragen.Die Preußen sind noch dümmer