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Deutsche Kultur- und Sittengeschichte / von Johannes Scherr
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Beigaben.

den" (nach dem Tode ihres Vaters, Karls VI.)und gar nit wußte, woruhig niederkommen sollte, steiffete ich mich aus mein gutes Recht und den beistandGottes. Aber in dieser Sach, wo nit allein das offenbare Recht himmelschreieutwider Uns, sondern auch alle Billigkeit und die gesunde Vernunft wider Uns ist,mueß bekhennen, daß so zeitlebens nit so beängstiget mich befunden und mich sehenzu lassen schäme. Bedenk der Fürst, was wir aller Welt vor ein Exempel geben,wenn wir um ein ellendes stuck von Pollen oder von der Moldau und Wallacheyunnser ehr und reputation in die schanz schlagen? Ich merk woll, daß ich alleinbin und nit mehr en vigour, darum laß ich die fachen, jedoch uit ohne meinengrößten Gram, ihren Weg gehen."

4) Als die Prediger nach Friedrichs Thronbesteigung baten, man möchteihnen ihr Deputatgetreide, welches Friedrich Wilhelm in Geld fixirt hatte, wiederin Natur» verabfolgen lassen, reskribirte Friedrich :Nein es Mus bei des SeligenKönigs vervaßungen bleiben, wenn auch 100 pristerS heute den geistlichen abscheitnehmen, so kan man Morgen 1000 wider Krigcn. Soldaten Krigcn Brodt, abertrister leben von das Himlische Manna was von da oben Kömt und ist ihr Reichnicht von dißer Welt, sondern von jener; weder Petrus noch ;>»ulus haben brodt-Korn gekrigt und ist im Neuen testament kein ^po->tol-LI»g»oin zu finden." Alsder Potsdamer Hofprediger Cochius 1771 um eine bessere Stelle bat, schrieb derKönig zurück:Jesus Saget, mein Reich ist nicht von dißer Welt. So müsen dieprockiger auch denken, dann prelligen Sie Nach Ihren Thodt imDullru von Neuenckerus»Iein". Im Jahre 1745 bat die Pietistenpartei, welche die Universität Hallebeherrschte, um Abschaffung der Komödianten daselbst, weil sich die Studenten imTheater geprügelt hätten. Der König schrieb auf den Rand der Eingabe:Daist das geistliche Muckerpack schuld dran, sie Sollen Spillen und Hr. Francke oderwie der Schurke heisset, Sol darbei Seindt, umd die Studenten wegen seinerNärischen Vohrstellung eine öfentliche Reparation zu thun, und mihr Sol deratest vom Loineckianten geschicket werden, das er dargewesen ist. Die IlaUsvllenPfafen müsen kurz gehalten werden; Es seindt Ilvangelisollo llvsuitsr, und MusMan Sie bei alle Gelegenheiten nicht die MindesteAuctorität einräumen." DemGeneralmajor von Rothkirch, welcher 1779 um eine Stiftspräbcnde für eine seinerTöchter bat, gab Friedrich den Bescheid:Es seynd dreißig bis vierzig anwart-schaften auf jeder Stelle. Er sol hübsch Jungens Machen, die kan ich alle unter-bringen, aber mit die MadamsWeiß ich nirgends hin." AufdieBitte des General-majors von BronikowSki, die Heirat seiner Schwester mit dem Körnet von Zmiewskyzu gestatten, lautete die Resolution:Nein, den Husaren müsen nicht durch diescheide, sondern durch den Säbel ihr glückh machen." Zu Friedrichs Schwächengehörte seine unzweifelhafte Vorliebe für den Adel. Er wollte nur Adelige zuOffizieren haben und mißbilligte im höchsten Grade die sogenannten Mißheiratenzwischen Edelleuten und Bürgermädchcn. Dessenungeachtet trat er mitunterjunker-lichen Anmaßungen mit Entschiedenheit entgegen und fertigte unbegründete An-sprüche des Adels oft mit den schneidendsten Ausdrücken ab. Als der HofmarschallGraf Schulenburg für seinen Sohn, weil derselbe Graf sei, um eine Offiziersstellebat, schrieb der König zur Antwort:Junge Grafen, die nichts lernen, seindtIgnoranten bey allen Landen, in England ist der Sohn des Königs nur Matroseauf ein Schiff, um dielAanoeuvros dieses dienstes zu lernen. Jm Fal nun einmalein wunder geschehen und aus einem Grafen etwas werden solte, so Mus er sichauf Titel und geburth nichts einbilden, den das seindt nur narenspossen, sondernes kömt nur allezeit auf sein LIerit personnel an."

5) Unterm 13. Juli 1787 schrieb Joseph II. folgenden merkwürdigen, desKaisers Verstand und Herz gleich ehrenden Brief an den Koadjutor von Dalberg.