GESCHICHTE DER DEUTSCHEN KOENIGE UND KAISER.
Die Deutschen hatten , wie wir sehen , zur Zeit der Zerstückelung von Carls des Grossen Reichunter Carl dem Dicken, Arnulf, einen natürlichen Abkömmling des ersten, zum König gewählt;diesem gelang es, da er die damaligen Unruhen benutzte, sich in Rom zum Kaiser krönen zu lassen.Nach seinem Tode wurde sein Sohn Ludwig IV., das Kind, obgleich erst sieben Jahre alt, als Königanerkannt; mit ihm erlosch aber die deutsche Linie der Carolinger, da er unvermählt starb.
Nun hätten wohl alle Vasallen auf deutschem Boden sich von jeder rechtmässigen Unterwürfigkeitbefreit glauben können ; durch die Schwäche der Kaiser waren sie schon früher fast unabhängiggeworden, und die Erlöschung der herrschenden Dynastie schien ihre Selbstständigkeit zu vollenden.In der That , wer konnte jetzt mit einem Rechte dagegen auftreten , wenn sich ein Jeder von ihnendie theilweise Herrschaft angemasst hätte ? Doch thaten sie es nicht; die Gefahr siegte über ihren Ehr-geiz , und die Furcht vertrat die Stelle der Gerechtigkeit.
Die Ungarn , seitdem sie die gewaltige Hand Carls des Grossen nicht mehr fühlten , hatten dieSchranken wieder durchbrochen , iu die er sie zurückgewiesen , und drangen bei ihren verheerendenEinfällen bis in das Herz Deutschlands vor ; zur selben Zeit aber litten andre Th eile des Reichs vonden Angriffen der Böhmen, Slaven, Wenn und Dänen. Der Anblick so vieler Feinde bestimmte dieDeutschen sich enger an einander zu schliessen, und ihrer Vereinigung durch das Ansehen eines Ober-haupts Achtung zu verschaffen. Auf einer grossen Nationalversammlung ward daher die Reichskronedem Herzog Otto von Sachsen an geboten , der sie, wie behauptet wird , wegen seinem hohen Alterausschlug , und die Wahl auf den fränkischen Herzog Conrad lenkte. Die Regierung diesesFürsten war aber zu kurz , als dass das weite Reich mit seinen zerstreuten Theilen Festigkeit hättegewinnen können ; und da sich die Stände nach seinem Tode aufs Neue an das sächsische Haus wandten,nahm der Sohn und Nachfolger des alten Otto die angetragene Krone an. (Siehe das sächsische unddas fränkische Haus etc. Taf. 22.)
PERIODE DER SÄCHSISCHEN KAISER.
919. Heinrich der Vogler. Er vereinigte in sich, was für das Glück der Völker so wesentlich ist,und in jener rohen Zeit eine desto seltener Erscheinung war : den Geist eines Gesetzgebers mit denTalenten eines Kriegers. Er stellte die Grenzen des Reichs wieder her , die durch die Einfälle derBarbaren wie verwischt waren , und brachte Ordnung in das Chaos des Lehenwesens ; er trieb dieUngarn in ihr Land zurück , und machte sich von dem Tribut frei , den sie seinem Vorgänger Conradaufgelegt hatten; er vereinigte das beträchtliche Herzogthum Lothringen, das ihm der fränkische Königstreitig machte, wieder mit Deutschland, eroberte Meissen und die Mark Brandenburg, unterwarf dieBöhmen und beschränkte die Dänen wieder auf ihre Halbinsel. Diess sind Heinrichs Kriegsthaten ; durchweise innere Einrichtungen sicherte er die Früchte davon. Seine Vasallen hielt er in Ordnung , undsie mussten eine bestimmte Anzahl Kriegsleute und Lebensmittel liefern; er organisirte eine regelmässigeMiliz , die er an den Grenzen aufstellte , um die Barbarenvölker im Zaum zu halten ; neue Städtegründete er, liess die zerstörten wieder aufbauen , und schuf sie durch Wälle , Gräben und Mauernzu festen Plätzen um. Seine Regierung ist voll der trefflichsten Regentenbeschäftigungen; dafür wirdaber auch sein Andenken als eines der grössten Fürsten Deutschlands geehrt.
986. Otto der Grosse , des Vorigen Sohn , trieb den Waffenruhm und den Glanz seines Hausesnoch höher. Ein stets siegender Held, hielt er zugleich die Zügel des Reichs mit fester Hand. Gleichbeim Beginn seiner Regierung erhoben sich Unruhen ; seine grossen Vasallen empörten sich ; sie wurdenaber besiegt und ihrer Herzogtümer beraubt, die der kluge Otto an seine eigne Familie vergab. Auchden Dänenkönig schlug er , machte ihn dem Reiche lehn - und tributpflichtig und zwang ihn , dasChristenthum anzunehmen. Diese Siege im nördlichen Deutschland sollten ihm eine neue Krone imSüden verschaffen. Alix oder Adelheid, die junge und schöne Wittwe des letzten Kaisers und Königsvon Italien, schmachtete in den Banden eines unmenschlichen Usurpators.
Bis in ihre Gefangenschaft war der Ruf des deutschen Helden gedrungen ; sie liess ihn um Hülfebitten , und die Hand der Königin mit ihren Ländern sollten der Preis des Siegers seyn. Otto zog überehe Alpen, er eilte sie zu befreien, vermählte sich mit ihr und liess sich zum König von Italien krönen.
Bis dahin hätten Conrad und Heinrich, Otto selbst noch keine Zeit gefunden, sich mit der Kaiserkronezu beschäftigen, und dieser schöne Titel, dem Carl der Grosse so viel Glanz verliehen, war die Beuteverschiedener kleiner Tyrannen in Italien geworden.
Die Worte üben eine grössere Herrschaft in der Welt als man denkt. Da mit dem Kaisertitel zugleichdie Eigenschaft eines Caesars und Oberhaupts des römischen Reichs verbunden war , so wähnte man,nur in Rom allein könne man dazu gelangen, und der Papst habe diese Würde zu vergeben. Daherhatten denn auch die Fürsten in Italien, gleich nach dem Zerfall des Reichs Carls des Grossen , dieNähe des Kirchenoberhaupts und die Verwirrung in Deutschland und Frankreich dazu benützt, sichin den Besitz jenes Titels zu setzen. Allein er diente nur dazu , ihre Zwietracht zu nähren, und blutige,unmenschliche Kriege wurden um diesen letzten Ueberrest alter Herrlichkeit geführt. Berengar vonFriaul, Guido von Spoleto , die Könige von Burgund, von Provence, und selbst blosse Marquis vonIvrea , traten auf den Kampfplatz , und schlugen sich um einen leeren Titel, den oft sogar Mehrerezu gleicher Zeit führten.
Nachdem Otto König von Italien geworden , dachte er , dass ihm auch die Kaiserkrone gebühre.Gleich bei seinem Erscheinen zerstreuten sich die bisherigen Kämpfer; er zog im Triumphe nach Rom,und schmückte dort sein Haupt nicht mit dem blossen Schein einer durch die Zeit verdunkelten, durchdie Schwäche herabgewürdigten Krone , sondern mit jenem wahrhaften Diadem , das mit so viel Glanzund Erhabenheit von der Stirne Carls des Grossen geleuchtet hatte. Rom, der Papst und die Kirchen-versammlung mussten sich ihm unterwerfen ; seine Oberherrschaft über Italien , das Recht über dieBesetzung des heiligen Stuhls zu verfügen , und zu allen Pfründen seiner Reiche zu ernennen , wurdenfür immer anerkannt, und so erreichte Otto’s Ruhm seinen Gipfel, indem er die Kaiserwürde mit demdeutschen Throne verband, und seinen Nachfolgern den Besitz von Italien und die volle Oberhoheitüber den Papst und die Kirche binterliess. Indessen waren es doch nur unheilbringende Geschenke,die , unter weniger kräftigen und geschickten Fürsten , die Quelle von tausend Widerwärtigkeitenwurden , und wegen denen das Blut der beiden Völker ganze Jahrhunderte hindurch fliessen sollte.Otto war es auch, der die Pfalzgrafen in den verschiednen Herzogtümern einsetzte. Er schloss seineglänzende Laufbahn mit der Eroberung von Capua und Benevent gegen die griechischen Kaiser.
973. Otto II., mit 18 Jahren der Nachfolger seines Vaters. Er hatte seine ganze Regierung hindurchdamit zu schaffen, unruhige Vasallen in Deutschland im Zaum zu halten, und die kecken Römer zubändigen, die in der Ferne um so leichter zum Aufruhr geneigt waren. Er starb in einem Augenblick, dasich die meisten Grenzvölker, und besonders die Böhmen unter ihrem berühmten Anführer TheodorichBuzici, empörten, von dem die heutige sächsische Dynastie abstammt.
983. Otto III. war bei dem Tode seines Vaters erst drei Jahre alt. Dennoch blieb ihm die Krone.Wie unter Otto II. so waren auch unter seiner Regierung stets wiederholte Empörungen, nicht blossin Deutschland , sondern auch in Italien zu dämpfen , wo Crescentius , ein Sohn der berüchtigtenTheodora, Rom mit Unruhen und Greueln erfüllte.
Otto’s früher Tod brachte neue Unordnung und Verwirrung. Bisher waren die Söhne immer beiLebzeiten der Väter zu Nachfolgern bestimmt worden; da aber Otto ohne Nachkommenschaft starb,so stritten sich mehrere Prätendenten um die Krone, unter denen endlich der Herzog von Baiern denVorzug erhielt. Er war Urenkel Heinrichs des Voglers von väterlicher Seite , und trat die Regierungals Heinrich II. an.
1002. Heinrich II., der Heilige. Er überhäufte die Geistlichkeit mit gefährlichen Gunstbezeigungen.Otto hatte sie aus Politik erhoben, hielt sie aber in steter Abhängigkeit und unter Aufsicht der besondersdazu bestellten Advocaten. Heinrich dagegen, den die Frömmigkeit trieb, schaffte auf Verlangen derGeistlichen diese Beamten ab , und machte sie dadurch völlig unabhängig. Der grösste Th eil seinerRegierung ging übrigens damit hin, die Ruhe in Italien herzustellen, die fortwährend durch Parteiengestört wurde, und die Sarazenen zurückzutreiben, die dieses Land vom Süden her bedrohten.
PERIODE DER FRÄNKISCHEN KAISER.
Nach Heinrichs II. Tode blieb die Krone nicht länger in dem sächsischen Hause , obgleich nochmännliche Nachkommen von Heinrich dem Vogler vorhanden waren. (Siehe den fränkischen StammTafel 22.)
1004. Conrad II. , Herzog in Franken , Ur-Urenkel Otto des Grossen von weiblicher Seite , denHeinrich selbst bei seinem Tode zum Nachfolger bezeichnet hatte, wurde auf einer der grössten undfeierlichsten Wahlversammlungen zum deutschen König erwählt. Die Wahl geschah in einem offenenLager in der schönen Ebene zwischen Worms und Mainz, wo alle Bischöfe, Herzoge , Fürsten , Adelicheund freie Männer beinahe sechs Wochen zu diesem Ende versammelt waren und ihre Stimmen abgaben.Conrad erbte das Königreich Burgund nach dem Tode Königs Rudolph IIL, obgleich er unter Allen,die darauf Anspruch machen konnten , das schwächste Recht hatte. Erbverträge und das Recht desStärkern entschieden für ihn. Zu dem Königreich Burgund gehörten alle Länder zwischen der Aar undReuss in der heutigen Schweiz , den Alpen , dem mittelländischen Meere , dem Rhonefluss und demJuragebirge. Durch die Unruhen im deutschen Reiche und die weite Entfernung des königlichen Throneswussten sich die dortigen Herren und Bischöfe allmählig unabhängig zu machen , und Deutschlandbehielt bald nichts mehr davon als den leeren Titel: Erzkanzler des arelatischen Reichs.
1089. Heinrich III. folgte auf seinen Vater. Er war gerecht, wohltätig, ein Freund der Wissen-schaften , die er selbst mit Erfolg trieb, ein liebenswürdiger und zugleich ein glänzender Fürst. Ordnunghielt er im deutschen Reiche , und es war so blühend wie jemals ; er herrschte über Italien ohneUnruhen aufkommen zu lassen ; zu Rom aber erneuerte er das alte Grundgesetz , dass kein Papst ohnekaiserliche Einwilligung gewählt werden sollte , und wusste den Vollzug so gut zu handhaben , dasser alle Päpste während seiner Regierung selbst ernannte. Unter Heinrich III. setzten sich übrigens dieNormannen in Italien fest, ein Ereigniss, das für das Reich wichtig ward, weil von ihnen die Päpsteimmer Unterstützung gegen die Kaiser erhielten.
io 56 . Heinrich IV., ein Prinz von sechs Jahren als sein Vater starb, war schon früher zum Nach-folger gewählt worden. Seine Regierung hat durch die fortwährenden Empörungen der Völker, durchdie Verwirrung des Reichs, durch sein eignes Missgeschick und die Siege der Päpste eine unglücklicheBerühmtheit erhalten. Anfänglich behielt die Vormundschaft ungestört das volle Ansehen über Deutsch-land und Italien, wie es von seinem Vater hergebracht war; nachdem aber der junge Fürst die Regierungselbst angetreten, erregten seine schlechten Ratgeber, die die Völker drückten und mit den geistlichenBeneficien Handel trieben , allgemeines Missvergnügen ; Empörungen brachen aus , und die Päpstefanden Gelegenheit ihre kühnen Plane zu vollführen. Bisher hatte Heinrich , wie alle seine Vorgänger ,die Bischöfe und andre Geistliche ernannt, und die Beleimung mit Ring und Stab als ein kaiserlichesRecht geübt ; nun aber , als ein Th eil von Deutschland die Waffen gegen ihn ergriffen , und ermit Beruhigung der Missvergnügten zu tun hatte , benutzte der wütende Hildebrand , der unter-nehmendste aller Päpste , der unter dem Namen Gregorius VII. so berüchtigt geworden , diese Ver-legenheiten , um den päpstlichen Stuhl gänzlich von aller kaiserlichen Macht zu befreien. Er erliessgegen Heinrich den Befehl, die Waffen niederzulegen, dem Rechte der Investitur zu entsagen und nachRom zu kommen, um über die wider ihn angebrachten Beschuldigungen Rede und Antwort zu stehen;ein unerhörtes Verfahren!
Der Kaiser versuchte sich ihm zu widersetzen ; da sprach Gregor den Kirchenbann über ihn aus,entsetzte ihn seiner Krone, und befahl den Deutschen sich einen andern König zu wählen. So entstandeine allgemeine Empörung gegen Heinrich , der, von aller Welt verlassen , sich endlich unterwarf,und dem Papste zu gehorchen versprach. Dieser sollte nach Deutschland kommen, um seinen Ausspruchzu tun ; Heinrich aber, in der Hoffnung eines günstigem Looses wenn er allein wäre, eilte ihm nachItalien entgegen, um die Aufhebung des Kirchenbanns zu erwirken, und traf ihn in Canossa» bei derberüchtigten Gräfin Mathilde, von der wir hier im Vorbeigehen Einiges erwähnen wollen.
Diese Mathilde gab eigentlich den Hauptanlass zu den unaufhörlichen Streitigkeiten zwischen denPäpsten und den Kaisern ; ihre Mutter hatte ihr einen unversöhnlichen Hass gegen das fränkische Haus,mit dem sie verwandt war, eingepflanzt, und so war ihr ganzes Bestreben, diesem Hause Feinde undVerlegenheiten zu erregen. Alle ihre grossen Besitzungen : Toscana, Viterbo, Orvieto, Ombria, dieMark Ancona, Parma, Modena, Mantua, Verona etc. gab sie den Päpsten, nur um sie in den Standzu setzen, dem Kaiser Heinrich zu schaden. Da die meisten von diesen Ländern Reichslehen waren,und die Päpste unumschränkte Herren davon seyn wollten , so gesellten sich die zeitlichen Interessenzu den religiösen Streitigkeiten , und schürten unaufhörlich den unseligen Krieg zwischen der Kircheund dem Reiche, der beinahe dreihundert Jahre lang Italien verwüstete.
Kehren wir nun zur Geschichte des unglücklichen Kaisers zurück. Drei Tage musste er mitten imWinter baarfuss, im Gewände des Büssers und nüchtern, in dem innern Hofe des Schlosses von Canossaveiweilen, bis ihn der Papst endlich vorliess und seines Kirchenbanns entledigte. Heinrichs niedrigesBenehmen empörte aber die Völker in Deustcliland , der Aufstand gegen ihn ward allgemein , manwählte den Herzog von Schwaben zum König, und — der Papst bestätigte die Wahl. Jetzt griffHeinrich, der sich durch dieses Verfahren seiner Eidschwüre entbunden glaubte, zu den Waffen, dieer niemals aus der Hand hätte legen sollen; auch blieb er zuletzt Sieger über seinen Nebenbuhler, undgab das Herzogtum Schwaben seinem Schwiegersohn Friedrich von Holienstauffen, dessen Geschlecht,nach Erlöschung des fränkischen Stammes, auf den kaiserlichen Thron kam. Sobald er dieses vollbracht,eilte er wieder nach Italien , bemächtigte sich des grössten Theils von Mathildens Staaten, nahm Ronfein , und drängte den unbeugsamen Gregor , der sich in die Engelsburg eingeschlossen , und nur beiden Normännern zuletzt Zuflucht fand. Als aber dieser furchtbare Feind des Kaisers bald darauf starb,ernannten seine Anhänger einen Nachfolger. Heinrich, durch welchen Gregor abgesetzt worden , hattegleichfalls einen neuen Papst ernannt; die Verwirrung erreichte daher ihren Gipfel, denn es standennun mehrere Päpste und mehrere Kaiser zugleich einander gegenüber. Indessen behielt Heinrich all-mählig die Oberhand ; er liess seinen, schon zum Nachfolger erklärten, Sohn Conrad in Italien zurück,und kehrte wieder nach Deutschland, wo die von den Uebeln einer langen Empörung ermatteten Völkerschon zu einer heilsamen Unterwerfung geneigt waren. Zwar musste er, da er Conrad kaum verlassenhatte, erfahren, dass sein entarteter Sohn, von seiner unversöhnlichen Feindin Mathilde verführt, sichgegen ihn selbst empörte ; er eilte aber, ohne umzukehren, nach Mainz auf den Reichstag , that Conradin die Acht , und bewirkte bei den zur Treue zurückgekehrten deutschen Fürsten , dass sie seinenzweiten Sohn Heinrich zum Nachfolger erklärten.
Conrad starb bald darauf, und der Kaiser, von einer schweren Sorge befreit, schien jetzt nach sovielen Stürmen noch einigen schönen Tagen entgegenzusehen. In Deutschland war Alles in stillemGehorsam, nur in Italien blieb die Ruhe noch herzustellen, und der unglückliche Vater war im Begriffdiess zu vollführen, als die Empörung seines zweiten Sohnes den kaum heiter gewordenen Abend desLebens aufs neue verdunkelte. Er wollte versuchen , ihn zuerst nur mit den Waffen der Natur zubekämpfen ; auf Ermahnungen , Thränen und Bitten folgten Unterhandlungen ; d Ä s Herz des Vaterstäuschte sich; sein Sohn Heinrich war eben so entartet, noch von schlimmerem Herzen, als Conrad,und der Kaiser, da er seine Truppen fortgeschickt, fiel als Gefangner in die Hände des verräterischenSohnes, und ward gezwungen ihm die Regierung abzutreten.
Auch nach dem Verlust der Krone waren die Leiden dieses unglücklichen Fürsten noch nicht erschöpft;wohl entkam er aus der Gefangenschaft , aber nur um das Leben eines elend Herumirrenden mitten
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YON DEUTSCHLAND, SEINEN HERZOGTIHJEMERN UND SEINER GESCHICHTE BIS AUF RUDOLPH VON HABSBUTG.
ALLGEMEINE BEMERKUNGEN.
Anordnung des Gemäldes ; Abtheilung der Gegenstände. Von der Zer-stückelung des Reichs Carls des Grossen an bis zur Erhebung Rudolphsvon Habsburg auf den deutschen Kaiserthron haben wir einen Zeitraumvon mehr als dreihundert Jahren vor uns, der für die Geschichte Deutsch-lands in vier wohlunterschiedene Perioden zerfällt: Es sind die Zeiten dersächsischen, der fränkischen, der schwäbischen Kaiser, und die darauffolgende lange Anarchie.
Wir haben auf den vier senkrechten Columnen hier rechts eine kurzeUehersieht dieser vier Perioden zur Vergleichung , in Rezug auf Dauer,Anzahl der Kaiser, Vorrechte und Macht derselben und politischen Zu-stand des Reichs geliefert.
Die unmittelbar über diesem Texte befindliche Carte gibt uns ein Bildvon Deutschland nach seinen Herzogtümern und abhängigen Ländern,wie es in den ersten Jahrhunderten des Reichs bestand. Man darf dabeifreilich keine vollkommne Genauigkeit in der Zeichnung der Umrisse er-warten , was fast unmöglich wäre , da in jenen Zeiten die Anzahl unddie Ausdehnung der Provinzen so oft wechselte; die Angaben sind aberbestimmt genug , um unserm Zwecke zu entsprechen, der sich daraufbeschränkt, das Verständnis der Verfassung Deutschlands zu erleichtern,und so zu sagen gleich am Eingänge dieses Labyrinths einen Faden zubefestigen ; hauptsächlich aber auf eine recht einfache und sinnlicheWeise durch die zweite Carte rechts zu zeigen, wie aus jenen ursprüng-lichen Provinzen die heutigen Staaten in Deutschland entstanden sind.
Blickt man auf die farbigen Streifen, womit die beiden obigen Carteneingefasst sind, so erhält man auf der ersten eine Vorstellung vom deut-schen Reiche in seiner grössten Ausdehnung , zur Zeit wo es noch ganzDeutschland , und die Königreiche Italien und Burgund in sich fasste,während man auf der andern Carte zur Rechten die weit engem Grenzengewahr wird, in die es schon vor den neuen Veränderungen durch denLüneviller Frieden eingeschlossen war. Hier fehlten schon Holland, Bra-bant , Lothringen , das Eisass , die beiden Burgund und selbst Italien;denn obgleich noch mehrere italienische Staaten als Reichslehen bestan-den , so war dieses doch mehr ein blosses Ehrenverliältniss ohne wirklicheGewalt.
Organisation. Als Deutschland sich von der grossen fränkischen Monarchietrennte, war es in mehrere Provinzen abgeteilt, die von Herzogen ver-waltet wurden ; unter diesen standen Grafen, die, je nachdem sie in ei-nem Grenzdistrikt, an den Ufern des Rheins, oder im Innern des Reichsaufgestellt waren, die Namen Markgrafen , Rheingrafen oder Landgrafenführten.
Die wachsende Gewalt der Herzoge flösste den Kaisern Besorgnisse ein,daher kamen sie auf den Gedanken sie durch Einführung der Provinzial -Pfalzgrafen zu beschränken, denen, als besondern Hofbeamten, in jedemHerzogtiiume die Verwaltung und die Gerichtsbarkeit über die grossen,den Kaisern vorbehaltenen Domänen anvertraut wurde; zugleich übtensie jene Rechte der Aufsicht und allgemeinen Untersuchung, mit denenzur Zeit Carls des Grossen, die berühmten missidominici ausgestattet waren.Burggrafen liiessen diejenigen, die unter ihrem Befehle über die kaiser-lichen Schlösser und Burgen gesetzt waren. Alle diese Aemter wurden vomKaiser nach Willkühr und widerruflich vergeben; Zahl und Ausdehnungwechselten mit jedem Augenblick, und sie bildeten sich erst dann zu fe-sten Formen, als die Inhaber es dahin brachten, aus ihren Aemtern eineArt von erblicher Herrschaft für sich zu schaffen.
Noch eine dritte Hierarchie vervollständigte die Classe der Grossen desReichs; es war die Geistlichkeit; durch die Wichtigkeit ihres Berufes,durch Politik oder Frömmigkeit der Kaiser, war sie in den Besitz vonunermesslichen Gütern gekommen, und spielte eine grosse Rolle im Staate.
Aus diesen so eben angedeuteten Elementen bildete sich nun die deut-sche Reichsverfassung, in welcher sich frühe schon die Schattirung vondrei verschiednen Gewalten offenbart. Die kaiserliche Gewalt, die Ge-walt der versammelten Stände auf dem Reichstag, und die Gewalt dereinzelnen Stände in ihrem Lande.
Der Kaiser, Oberhaupt des ganzen Reichs, besass alle Oberhoheits-rechte , er berief den Reichstag und setzte die Kirchenversammlungen, er vergab die Lehen, hatte das Ernennungsrecht zu den geistlichenPfründen, liess die Münze prägen, und das Richteramt verwalten;
Die versammelten Reichsstätide wählten den Kaiser, beschlossen ge-meinschaftlich mit ihm die Reichsgesetze, sassen über Ihresgleichen zuGericht und hatten über Krieg und Frieden zu entscheiden.
Die Stände in ihren eignen Ländern genossen alle Rechte eines eigent-lichen Landesherrn, jedoch mit Lehenspflicht unter der Oberhoheit desKaisers.
Diess sind die ersten Grundlagen der deutschen Verfassung. Im Ver-laufe mannigfaltiger Revolutionen sehen wir jedoch die oben angegebenenRechte sich vielfach vermischen, und ihr Verhältnis gegen, einanderändern; und diese Vermischung, diese Veränderung ward wieder dieQuelle von neuen Revolutionen , so dass der beständige Wechsel baldals Ursache , bald als Wirkung erscheint. Die Entwickelung und denBeweis für diese Wahrheit wird man finden, wenn man die verschiednenCarten, die zur Geschichte Deutschlands gehören, in ihrem Zusammen-hänge betrachtet.
Sächsische Periode.
Fränkische Periode.
Schwäbische Periode.
Sie dauert io 5 Jahre / Sie dauert 109 Jahreund liefert fünf Kaiser. | und liefert fünf Kaiser.Siehe No. 22 auf der rech- j Siehe No. 22 auf der rech-
ten Seite.
Die Kaiser erobern Ita- 1lien und üben über dieses |Land, wie über Deutsch-land, die volleHerrscher-gewalt.
Von ihnen werdendie Päpste theils ernannt, Itheils bestätigt, und alle igeistlichen Pfründen ver-
Sie erheben und be-reichern die Geistlichkeit |um sie den grossen Va-sallen entgegenzusetzen,u. führen die Pfalzgrafenein, um die herzogliche jGewalt zu beschränken.
Sie dauert 116 Jahreund liefert sechs Kaiser.Siehe No. 22 auf der rech-ten Seite.
Die Kaiser erobern Nea-pel ; der Hass der Päpstewird dadurch nur um soheftiger gegen sie , undsie geraten in desto grös-sere Verwickelung.
Die Päpste schütteln ( Der Kampf des Priester-das Joch ab, und hegin- 1 thums wird mit grosserneu den Krieg des Prie- / Wut fortgesetzt, u. diesterthums , der beinahe i kaiserliche Gewalt geht3 oo Jahre fortwälirt. \ darüber zu Grunde.
\ ten Seite
Das burgundisclie Reichfällt durch Erbschaft andie Kaiser, ohne dass siegrossen Vorteil darausziehen können.
Die Geistlichkeit, dieHerzoge und die Fürstenverbinden sich gegen dieKaiser, und benutzen ih-re Verwickelungen, umsieh unabhängiger zuma-
Die Lehen, die ursprüng- / Alle Lehen werden erb-lich nur auf Lebenszeit \ lieh , und selbst die Titelvergeben wurden , fan- j gehen ohne Amt auf diegen an erblich zu werden, v Nachkommen über.
In diesem Zeitraumverfügen die Kaiser al-lein über erledigte Lehennach freier Willkühr.
Die Kaiser verlierenItalien ; in Deutschlandentziehen sich die Für-sten ihrer Gewalt, ma-chen sich unabhängig,und zerstören die Mo-narchie.
Der grösste Theil derursprünglichen Lehenträgt jetzt den Charakterunabhängiger Herrschaf-
In diesem Zeitraum er- / In diesem Zeitraumringen die Stände das I werden alle Lehen nichtRecht , bei Vergebung < mehr vom Kaiser allein,der höhern Reichslehen 1 sondern von Kaiser undmitzuwirken. \ Reich vergeben.
Das Zwischenreick oder die l^geAnarchie.
Nach den drei vorhergehende» Pe-rioden erscheint ein langer Zwischen-raum voll Verwirrung und A»»^üe;die deutschen Fürsten, immer denPrivatzweck ihrer Unabhängigst imAuge, wählen blosse Scheiuk alSe r,Richard von Cbrnw^llis, Alpho» s v onCastilien. Die Unordnung erreich! 1 denhöchsten Grad, alle Bande des gesell-schaftlichen Zustands lösen sieb * dasRecht des Stärkern ist allein Gesetz.Aber das Uebermaass des Uebels hih rtzuletzt wieder zur Abhülfe. Die S^ndefühlen endlich, dass sie eines H» u ptesbedürfen , und wäjilen Rudolph vonHabsburg zum Kaiser. Höchst merk-würdig ist dieser Zeitpunkt, d a mitihm das neuere System in Deutschlandaufkam, und ein Haus auf den Thronerhoben ward , das sich in der be-schichte Europa’s berühmt gemachthat. Die wichtigste unter alle» Un-riclitungen oder Veränderunge»» dieaus dem Zwischenreich hervqrgmgen,
war, dass die Staatsverfassung ^»en
andern Charakter annahm , ull<nicht mehr wie früher auf das L e en-system, sondern auf das System , ei »esStaatenverbands gründete.
URSPRUNG UND RILDUNG DER VORZÜGLICHSTEN STAATEN DES DEUTSCHEN REICHS.
DEUTSCHLANDS URSPRUENGLICHE HERZOGTHUEMER.
Sie sind auf der obigen Carte durch Umriss und Farbe angedeutet.
1. Herzogthum Sachsen”. Unter allen das grösste; dienördlichem Gegenden desselben , d. h. die Küsten desbaltischen Meeres , die von heidnischen Völkern , denSlaven und Wenden bewohnt waren, bildeten lange Zeitnur eine schwankende Besitzung, und Thüringen im Süden, das eine Zeitlang als eignes Herzogtum bestanden,wurde erst gegen 910 unter Ludwig IV., dem Kinde, mitSachsen vereinigt.
Vier verschiedene Familien , die alle den Namen desLandes annahmen, haben in Sachsen geherrscht.'
Die erste, für welche das Herzogtum gegen 85 o errich-tet wurde, war die Familie Heinrichs des Voglers, der919 den deutschen Thron erhielt.
Auf diese folgte die Familie Billungen; sie behielt dasHerzogthum bis zu ihrer Erlöschung.
Die dritte war der askanisclie Stamm , der nach demFall Heinrichs des Löwen das Herzogtum erhielt, und1422, nach dem Tode des letzten Herzogs, der keine Kinderbinterliess, wieder verlor. Als Linien desselben erscheinendas 1689 erloschne Haus Sachsen-Lauenburg, und dienoch bestehende Familie Anhalt. Beide konnten nicht zurNachfolge in das Herzogtum gelangen.
Das vierte sächsische Haus endlich ist das jetzt regie-rende, welches 1422 vom Kaiser Sigismund mit dem Her-zogthume belehnt würde.
2. Herzqgthum Baiern. Luitpold, in weiblicher Linieein Abkömmling Carls des Grossen, besass es gegen dasJahr 900. Er ist der Stammvater der heutigen Herrscher v.Baiern; sein Enkel verlor das Herzogthum, da er sich wei-gerte , dem Kaiser Otto II. als Lehensherrn zu huldigen.Von verschiednen Familien kam es endlich 1070 an dieWelfen, die es bis zum Falle Heinrichs des Löwen 1180behielten. Darauf erhielt die ursprüngliche, noch in unsernTagen regierende Familie das Herzogtum wieder.
3. Herzogthum Franken. (Francia rhenana). Ein Land,das sich an den beiden Ufern des Rheins hinzog, und nochzum Theil in das Innere von Deutschland erstreckte. Diefränkischen Herzoge kamen 1024 auf den Kaiserthron, be-hielten aber ihr Herzogtum bei, bis ein Theil davon gegendas Jahr ii5o mit dem Amte der Pfalzgrafen bei Rheinverbunden wurde, woher es rührt, dass diese in der Folge
eine so grosse Rolle unter den ursprünglichen deutfC ieuHerzogen spielen konnten. .
Der übrige Theil dieses Herzogtums kam unteUTeujNamen Franken an die Hohenstaufen , und versehendvöllig in seiner frühem Gestalt nach dem Todeglücklichen Conradin , mit dem jener Stamm erlös -
4 - Herzogthum Schwaben. Nachdem viele Lal»i lendamit belehnt waren, kam es endlich gegen 1080 da»an die Hohenstaufen, die gegen n 38 auf den Kai sererhoben wurden. Das Herzogtum blieb in der Fan» oiszu ihrem Erlöschen mit dem unglücklichen Cour in.nachher verschwand es durch Zerstückelung. _ ;
5. und 6. Ober - und Nieder - Lothringen»bildeten anfänglich nur ein Herzogtum. Erst unter K ai $erOtto II., gegen 900, trat eine Tlieilung in Ober-Lothri»§eu toder das Mosel-Herzogtum, und in Nieder-Lothn»gea }oder das Herzogtum Brabant, ein.
5. Ober-Lothringen. Gerhard von Eisass erhielt es g e geudas J. io- 44 , und seine Nachkommen blieben iin Besit ze bi s1735, wo es an Frankreich abgetreten und g»g envertauscht wurde; bald darauf ward die Familie au (Wdeutschen Kaiserthron berufen, auf dem sie unter de» 1 Na-men des neu-östreichischen oder lothringisch-östreiehis<jh eilHauses , bis zur Auflösung des deutschen Reiches, leR
6. Nieder - Lothringen , Lothier oder Brabant- ^i
von Frankreich , aus dem Hause der Carlovinger,damit von Kaiser Otto II. belehnt; und unter andern ^Or-wänden , um ihn vom fränkischen Thron auszuschb e s ^n,führte man auch den Grund an, dass er dem K»i ser ^euLehenseid geleistet. Nach ihm folgten Herzoge »»* ^schiednen Familien, unter denen der berühmte Go e<fvon Bouillon, der glückliche Anführer des erstenzugs, zu nennen ist, der sein Herzogtum für dieses ^«r>nehmen verliess. Gegen 1100 kam das Land unterNamen Lothier oder Herzogtum Brabant dauernd. » «tsHaus Löwen, von welchem das heutige hessische Gesc ' ttstammt. Nach Erlöschung des directen Stami» e f 0 °. e Rdie Häuser Luxemburg, Burgund und Alt-Oestrf»» V •Letzterem kam das Land an das lothringisch-östreu^< . »eHaus, und wurde durch den Lüneviller Frieden an k-.reich abgetreten. ,
N. B. Ausser den hier oben genannten Herzogtümern gehörten noch zu den kaiserlichen Lehen und Dotcw® ^ leböhmische Krone, das Königreich Italien und das burgundisclie Reich. Auf unsrer Carte zur Linken ist angcßwann und wie diese Länder dem deutschen Reiche einverleibt wurden, so wie man auf der andern Carte wiTrennung von Italien und Burgund und die Staaten wahrzunehmen hat, die sieb aus ihrer Zerstückelung b"li
URSPRUENGLICHE STAATEN.
Darstellung auf der obigen Carte.
Allgemeine Bemerkungen.
Auf den beiden geographischen Cartenvon Frankreich und Spanien, No. 12 und18 , sehen wir die allmählige Vereinigungvieler zerstreuten Provinzen zu einem ein-zigen monarchischen Staatskörper darge-stellt. Hier haben wir uns, umgekehrt, mitdem Bild einer Monarchie zu beschäftigen,die nach und nach in einzelne getrennteStaaten zerfällt. Die obige Carte zur Rech-ten ist bestimmt, dieses näher anzudeuten;man findet auf ihr die nämliche Einteilungwieder, wie auf der Carte zur Linken, zu-gleich sind aber in den Raum, den die Um-risse derHerzogthiimer bilden, die Namender daraus hervorgegangnen Staaten , derZeitpunkt ihrer Entstehung, und die Ver-anlassung eingeschrieben , der sie ihreUnmittelbarkeit oder Unabhängigkeit ver-danken. Um übrigens noch mehr Ordnungund Klarheit in dieses allgemeine Gemäldeder Hauptländer des deutschen Reichs zubringen , glaubten wir sie in vier Classenabtheilen zu können, wovon jede mit einerbesondern Farbe bezeichnet ist. Hiernachhätten wir denn :
1. Die ursprünglichen Staaten, d. li. die-jenigen , die gleich anfänglich durch dieEinteilung Deutschlands gebildet waren,und daher immer unmittelbar von demKaiser abhingen.
2. Die Staaten, die auf Kosten der wel-fisclien Familie entstanden.
3 . Die sich über den Trümmern deskaiserlich schwäbischen Hauses erhoben.
4 * Endlich diejenigen, die zu verschied-nen Zeiten und durch mancherlei besondreVeranlassungen , zum Vorschein kamen.
Ueber die drei letztem Classen sehe mandie nächsten Columnen zur Rechten. Ueberdie Erste bemerken wir noch folgendes.
So lange die Kaiser in der vollen Aus-übung der souveränen Macht blieben, wa-ren die Herzoge, Grafen, Pfalzgrafen undBurggrafen, so wie die Bischöfe und die un-tere Geistlichkeit nur hierarchisch geord-nete Organe, durch welche der Kaiser überdas Volk regierte. Alle hingen unmittelbarvon dem Kaiser ab und erkannten nur ihnals ihren Herrn. So wie es aber den höhernBeamten unter der Gunst der Umständegelungen war, ihre Stellen erblich zu ma-chen, bildete sich auch ein andres Ver-hältniss. Die Herzoge, die Pfalzgrafen unddie Bischöfe befreiten sich zuerst von derkaiserlichen Macht, und unterwarfen sichihre Unterbeamten, die dadurch zu After-vasallen des Kaisers wurden. Diese aberfolgten bald dem gegebnen Beispiel, undstrebten eben so sich von ihrem neuenHerrn unabhängig zu machen; auch errei-chten viele von ihnen ihre Absicht, balddurch besondre günstige Umstände, baldin Folge grosser allgemeiner Erschütterun-gen , hauptsächlich aber durch die steteUnterstützung der Kaiser selbst, die darindas beste Mittel fanden , die Macht dergrossen ursprünglichen Staaten, die ihnenweit gefährlicher war , zu schwächen.
Diess ist mit kurzen Worten die Ursache,die Stufenfolge und die Art der Entstehungder zahlreichen Staaten , die zuletzt dendeutschen Reichsverband bildeten; und eswird daraus von selbst klar, was wir unterder Benennung ursprüngliche Staaten wol-len verstanden haben , von denen nur dieHerzogtümer Sachsen und Baiern und diePfalzgrafschaft am Rhein, dagegen abereine grosse Menge Erzbistümer, Bistü-mer und Abteien sich bis auf unsre Zeitenerhalten haben. Von diesen geistlichenLändern sind nur die bedeutendsten undso weit es derRaum gestattete , auf derCarte angegeben.
STAATEN,
die sich auf Kosten der Welfen
Fall Heinrichs des Löwen.
Zum seclistentnale sali sieb Kaiser Friedrieh Barbarossa gezwungen, nach Italienzu eilen, um die stets empörten Mailänderzu bestrafen; grossmüthig schenkte er denflehenden Besiegten Gnade. Aber kaumhatte er seine Truppen zurückgeschickt,als die Empörung aufs Neue ausbrach,und Friedrich in die äusserste Gefahr kam,die Früchte zwanzigjähriger Siege zu ver-lieren. Nur Heinrich der Löwe , den derKaiser immer wohlwollend behandelthatte, war , als ein mächtiger Herr vonnahe gelegnen Ländern, im Staude, Fried-rich aus der Verlegenheit zu ziehen, undin der That kam er auch mit grosser Mann-schaft zur Hülfe herbei. Heinrich wollteaber den Vorteil seiner Lage benutzen,um seinem Herrn Gesetze vorzuschreiben;er schwur wieder abzuziehen , wenn ihmnicht der Besitz der Stadt Goslar zugesi-chert würde. Umsonst versprach der Kaiserbeim nächsten Reichstag seinen Ansprü-chen Recht widerfahren zu lassen, umsonstliess er sich zu Bitten gegen seinen Va-sallen herab. Heinrich hält Wort, kehrtmit seinen Truppen nach Deutschland zu-rück , und lässt den Kaiser seinen Gegnernin Italien blossgestellt , so dass er sichgenötigt sieht in ihre Bedingungen zuwilligen , und sich noch in Venedig vorAlexander III. zu demütigen.
Friedrich verbiss seine Schande , aberer kam nach Deutschland zurück, um anHeinrich Rache zu nehmen. Angeklagt, dieUnfälle in Italien verschuldet zu haben,ward er auf mehrere Reichstage zur Ver -antwortung geladen , Und als der stolzeVasall nicht erschien, jede Genugtuungverweigerte, zuletzt in die Acht, und allerseiner Lehen verlustig erklärt. Nie er-folgte ein Schicksalswechsel plötzlicher;ein mächtiger Fürst, dessen Besitzungensich vom baltischen Meere bis an die Uferder Tiber erstreckten , sah sich in einemAugenblick um Alles gebracht, und nichtshalf es ihm zu den Waffen zu greifen,denn er fand ganz Deutschland gegen sei-nen Stolz und seine Macht verschworen,und Alle beeiferten sich, von den reichenBesitzungen des Gefallnen einen Theil zuerhalten.
So zersplitterte sich durch dieses merk-würdige Ereigniss das ausgedehnte Landder Welfen, aus dem sich eine Menge ein-zelner Staaten erhöhen; die HerzogtümerBaiern und Sachsen wurden wieder ge-trennt , die Erzbistümer Mainz, Cöln,Bremen und Magdeburg, die BistümerHildeslieim, Münster und Halberstadt ver-größerten ihr Gebiet; Dänemark fiel vomReiche ab, Holstein, Mecklenburg, Pom-mern , die Steyermark und Tyrol wurdenzu unmittelbaren Lehen, und Lübeck undRegensburg zu freien Reichsstädten. Fügtman hierzu noch die besondre Erhebungder Länder Brandenburg und Oestreich,um die Heinrichs Vater schon fünfzig Jahrefrüher durch ein ähnliches Missgeschickgebracht worden war, so hat man dieSumme der einzelnen Staaten, die sich aufKosten der Welfen gebildet, und die wirauf der Carte mit einer besondern Farbebezeichnet haben.
N. B. Die nördlichen Theile des Her-zogtums Sachsen, längs dem baltischenMeere, wurden gar bald eine Beute derDänen ; sie befreiten sich aber im Jahr1223 bei einer neuen Umwälzung derDinge wieder , und traten für ständig inden Reichsverband.
STAATEN,
DIE SICH NACH ERLÖSCHUNG DES SCHWÄ-BISCHEN Hauses bildeten.
Conradins tragisches Ende.
Kaiser Heinrich VI., dessen GemahlinErbrechte auf das Königreich Sicilien hatte,machte diese Rechte geltend und erobertedas Land. Dieser Zuwachs an Grösse waraber keiner an Macht, er brachte seinemHause den Untergang. Nur mit Schreckensahen sich nun die Päpste von allen Zei-ten von der kaiserlichen Herrschaft ein-geschlossen und gedrängt, und wendetendaher Alles auf, um die Familie, die aufdem Throne sass, zu Grunde zu richten.Ihr Plan gelang ihnen nur zu gut. Heih-riclis VI. Nachfolger wurden in Verlegen-heiten verwickelt, die ihre Kräfte über-stiegen. Waren sie in Italien , um ihreHerrschaft dort zu befestigen, so brachjnDeutschland die Empörung aus, und kehr-ten sie dahin zurück, die Rehellen zu hän-digen , so loderte das Feuer von neuemin Italien auf. So geschah ihnen, was fastimmer in so schwierigen Fällen erfolgt,dass sie beides verloren; das Schrecklichstewar aber •, dass sie mit ihrem eignen Blute,mit der Erlöschung ihres Stammes, denFall ihrer Macht besiegeln sollten. KaiserConrad IV. hatte einen Sohn hinterlassen;er war der übrig gebliebene einzige Sprosseaus dem kaiserlich schwäbischen Hause,und erst zwei Jahre alt, da sein Vater starb.Der Hass der Päpste gegen die ganze Fa-milie wandte sich nun gegen den jungenConradin ; sie lenkten die Königswahl inDeutschland von ihm ab, und beraubtenihn zugleich der sicilianischen Krone, in-dem Karl von Anjou auf ihren Antrag ausFrankreich kam , und davon Besitz nahm.Conradin hatte kaum das sechzehnte Jahrerreicht, als er den kühnen Plan fasste,das Reich seiner Väter wieder zu erobern.In Schwaben und Franken , seinen Her-zogtümern , gelang es ihm ein Heer zubilden, und so zog er mit seinem Freunde,dem jungen Prinzen Friedrich von Baden,über die Alpen, begleitet von allen Wün-schen , die sein jugendheber Mut undseine gerechte Sache verdienten. Kein Wi-derstand zeigte sich in Italien, bis er naheam See Celano Carl von Anjou mit seinemHeere begegnete. Das Glück verband sichaber seinem Muthe nicht; eine Zeitlangblieb der Sieg auf seiner Seite, dann wurdeer geschlagen, und sein Heer aufgerieben.Die jungen edelmütigen Freunde rettetensich durch die Flucht; Verrat lieferte siein die Hände des Siegers, und,dieser be-sudelte seinen Sieg mit einer Handlunggrässlicher Barbarei; er liess beide öffent-lich enthaupten. Als Conradin das Schaffotbestieg, warf er seinen Handschuh unterdas Volk zum Zeichen der Investitur fürseinen Nachfolger. Einer von den anwe-senden Rittern brachte ihn dem König vonArragon, der in der That bald darauf dieRegierung über Sicilien erhielt.
So endete das kaiserlich schwäbischeHaus der Hohenstaufen. Mit ihm ver-schwanden Schwaben und Franken ausder Reihe der Herzogtümer. Die langeAnarchie, unter der Deutschland damalsseufzte., begünstigte die Zerstückelungdieser Provinzen, aus denen eine Mengeunmittelbarer Staaten hervorgingen. DieZahl der freien Reichsstädte verdoppeltesich , eine grosse Menge neuer Prälatenerschienen auf dem Reichstag , und dieausgedehnte Körperschaft der unmittel-baren Reiclisritter fand ihre Entstehung,
Die Hauptfolgen dieses grossen wich-tigen Ereignisses haben wir auf der obigenCarte mit einer besondern Farbe be-zeichnet.
STAATEN,
die sich zu verschiedenen Zeiten durcheinzelne Veranlassungen gebildet.
Nachdem auf den vorhergehenden Columnenvon den allgemeinen Begebenheiten und Ursa-chen die Rede war , durch welche sich vieleeinzelne Staaten im deutschen Reiche ausgebildet, so Wäre nun hier der Ort, auch die einzelnen Veranlassungen anzuführen , die jeneLänderzahl noch vermehrten. Der Mangel anRaum gestattet Uns aber keine solche Aufzählung Und wir müssen uns auf die allgemeineBemerkung beschränken, dass noch eine MengeStaaten ihre Entstehung theils den Begünsti-gungen der Kaiser , theils den damals herr-schenden Meinungen Und Gebräuchen ver-dankten. Zu den letzten gehörte besonders dielange befolgte thörige Gewohnheit, jedes Landbei der Vererbung in so viel unabhängige Theilezu zerstückeln , als Kinder vorhanden Waren,woher noch jetzt der Gebrauch übrig gebliehen,dass alle Glieder einer Familie den nämlichenTitel wie das Haupt der Familie führen.
Benutzen wir die Wenigen Zeilen, um in eini-gen Hauptzügen noch einmal das Bild derdeutschen Verfassung , wie sie sieh durch all-mählige Veränderungen, von Arnulf dem Ba-stard an Bis auf Rudolph von Habsburg, ent-wickelte, zusammen zu fassen. Unter den erstendeutschen Regenten waren die Herzoge nichtsanders, als was noch jetzt in WohlgeordnetenMonarchien die Vorsteher der Provinzen sind;gar bald aber wüssten sie theils die Schwächeder gewählten Kaiser, theils den Einfluss ihresWahlrechts selbst dafür zu benützen, ihr Amterblich zu machen, und sobald sie dieses er-reicht hatten, War die Unabhängigkeit dasZiel, dem sie mit schnellen Schritten entgegeneilten. Die Kaiser gerieten in Besorgniss undfingen an die Geistlichkeitzübereichern, niedreVasallen unmittelbar zti machen » und freieReichsstädte zu errichten, indem sie dadurchdie Macht der Herzoge zu schwächen und einGegengewicht zu bilden dachten. Aber ihreAbsicht fand sich in diesen neu emporsteigemden Gewalten getäuscht , die sich beständigwieder an die grossem Vasallen anschlossenum dieselbe Macht zü untergraben , die siehervorgerufen hatte. Auch gelang es ihnen sogut, dass sie eine Zeitlang, ehe Rudolph dendeutschen Thron bestieg , zum Theil wahreScheinkaiser hatten , zum Theil zu gar kei-ner Kaiserwahl schritten, Während dieserAnarchie , dem sogenannten Zwischenreich,ging in Deutschland eine völlige Umwälzungvor , und die Verfassung des Reichs , die bisdahin den Charakter einer Feudal-Hierarchiegetragen hatte, nahm nun auf einmal die Ge-stalt eines Staatenverbands an, in welchem dreiHauptelemente hervortraten : die sieben Chur-fürsten , die das ausschliessende Recht, denKaiser zu wählen, an sich gezogen hatten ; dieFürsten, die durch Anzahl und Macht denChurfürsten die Wage hielten , und endlich dieStädte, die durch Handel und Reichthum sichemporgeschwungen, und den beiden übrigenStänden gleichgestellt hatten, so dass sie einenintegrirenden Theil der gesetzgebenden Gewaltbildeten.
Von Rudolphs Zeiten an bildete nün dieseEinteilung die neue Grundlage , auf Welcherdas Gebäude des deutschen Reichs sich erhob,und bis auf die neuere Zeit fortbestand; ob-schon es durch sechs grosse Ereignisse man-cherlei Aenderungen in der Form Und im Ein-zelnen erlitten hat. Diese Ereignisse wird manauf dem Rande der zweiten geographischenCarte von Deutschland No. 21. näher ausgeführtfinden; hier genüge es sie zu benennen,
1. Die Erlassung der goldneu Bulle. 2. DerLandfriede. 3 . Die Errichtung der zehn Kreisede6 Reichs. 4. Der Religionsfriede. 5 . Derwest-phälisehe Friede. 6. Der Hauptschluss derReichsdeputation in Folge des Lüneviller Frie-
EOKTSETZUNG DER GESCHICHTE DER DEUTSCHEN KAISER UND KOENIGE.
Unter seinen ehemaligen Untertanen zu führen. Not und Dürftigkeit plagen ihn , und vergebenssucht er im weiten Reiche irgend eine Zuflucht und Hülfe; Jeder wendet sich ab aus Furcht vor demUnwillen des vatermörderischen SobUes , der ihn mit Wut verfolgen lässt. Die Verzweiflung treibtihn endlich zu dem äussersten, kaüm glaublichen Schritt, den Bischof von Speier um eine Stelle inder Kirche, wäre es auch Dur als Cantor, zu bitten, indem er sich auf seine Kenntniss der lateinischenSprache beruft, und der Kaiser, der über Deutschland und Italien geherrscht hatte, muss den Schmerzund die Demütigung erfahren, dass man ihm eine so armselige Gunst verweigert. Pfeffel.
Er endete nicht lange darauf zu Lüttich ein Leben , das als ein schreckliches Beispiel wechselndenmenschlichen Geschickes in der Geschichte stellt. Die Verfolgung erreichte noch nach seinem Todeihren Gipfel : sein Körper wurde , auf Befehl des Papstes und seines eignen Sohnes , aus dem Grabegenommen, weil er, wie sie sagten, im Banne gestorben sey.
Heinrich war ein Fürst , der fast alle Eigenschaften besass , die man an grossen Königen rühmt;nur sein grosses Missgeschick scheint seinen Ruhm verdunkelt zü haben. Er besass Geist, war gross-mutig und tapfer in hohem Grade; unter zwei und sechzig Schlachten, die er während seiner Reg erunglieferte, sind nur wenige, die er nicht gewann; über die furchtbarsten Kriegshelden seiner Zeit blieber Sieger , ntir den Päpsten sollte er unterliegen.
no6v Heinrich V. gelangte nicht zum ruhigen Genuss der Krone , die er seinem Vater geraubt.Hatte -er-gleich mit verstelltem Herzen sich gegen diesen stets zur Unterwürfigkeit bereit erklärt, sobalder selbst sich dem Papst unterwerfen würde, so verfehlte er doch nicht, sobald er im unbestrittenenBesitz der Krone war, den Investiturstreit mit derselben Heftigkeit, wie sein Vater, zu verfolgen. Erzog gegen Rom , zwang den Papst, ihn zum Kaiser zu krönen , und die Bedingungen , die er ihmvorschrieb , einzugehen. Kaum war aber Heinrich wieder auf dem Wege nach Deutschland , alsder Papst, nach gewohnter Sitte, seine Zusage zürücknalim , und den Kaiser mit dem Bann belegte.Dazu kam noch , um die Verlegenheit zu mehren, eine Empörung mehrerer Fürsten in Deutschland.Das Glück blieb aber Heinrichen treu , und er leistete , mit Hülfe seiner beiden Neffen Conrad undFriedrich von Hohenstaufen, allenthalben Widerstand* Eine augenblickliche Rühe stellte sich endlichzwischen Deutschland und der Kirche ein ; auf einer allgemeinen Versammlung zu Worms ward derStreit der weltlichen Macht gegen die Priesterherrschaft verglichen, und das berühmte Concordat von1122 entschied , dass dein Kaiser hinfiiro die Ernennung der Geistlichen nicht mehr zustehen , diecanonischen Wahlen jedoch unter seiner Aufsicht geschehen sollten. Auf die Belehnung mit Ring undStab verzichtete er, und es blieb ihm nur noch eine Belehnung mittelst Zepter, wo denn die Geistlichenin der Eigenschaft als Vasallen jederzeit gegen ihn zu Allem verpflichtet bleiben sollten, was man demLehnsherrn schuldig ist.
Mit Heinrich V. endigt die Periode der fränkischen Kaiser. Zwischen ihr und der Periode derschwäbischen Kaiser erscheint ein einzelner Kaiser aus einem andern Hause , Lothar II. , Herzog vonSachsen und Graf von Supplenburg. Er war nur von einem Theile der Wahlversammlung gewähltworden , während die Partei des Herzogs von Schwaben bedeutend grösser war. Darüber entstandein grosser Krieg zwischen Lothar und dem. Hause der Hohenstaufen, der fast die ganze Regierungszeitdieses Kaisers ausfüllt.
PERIODE DER SCHWÄBISCHEN KAISER.
Als Lothar starb bestanden in dem Reiche zwei vorzüglich mächtige Häuser : die Hohenstaufen,denen die Herzogtümer Schwaben und Franken gehörten, und die Welfen, die über die Baiern undSachsen regierten. Die Häupter beider Familien bewarben sich um die Reichskrone. Heinrich der Stolze,Herzog von Sachsen und Baiern , war zwar bei weitem der Mächtigere , und mochte sich desslialbHoffnung machen; allein mehrere unter- den Fürsten scheuten eben seine Macht und seinen anmassendenCharakter; sie hielten seinen Mitbewerber Conrad für weit weniger gefährlich , und brachten es aufeine hinterlistige Weise , ungefähr so wie bei der Wahl Lothars geschehen War , dahin , dass Conraddie Krone erhielt. Audi die Folgen waren che nämlichen ; die beiden Häuser gerieten in Krieg.
1137. Conrad III, wollte Heinrich nicht im Besitze der beiden Herzogtümer lassen, und unter demVorwände,-dass en Fürst nicht zwei Herzogtümer zugleich besitzen könne, ward er zuletzt beiderfür verlustig erklärt. Er war zwar so glücklich-, das eine davon mit den Waffen wieder zu gewinnen,der Tod hinderte ihn aber , das andre zu retten. Indessen datierte der Kampf fort, und wir wollenliier nicht unbemerkt lassen , dass man den Ursprung der , zum Unglück so berühmt gewordnen Namende? Welfen oder Guelphen und Gibellinen auf diese Gefechte zurückzuführen pflegt. Welf undWaiblingen, die Namen der gegenüberstehenden Anführer (Waiblingen als Stammschloss der Hohen-staufen) , waren in einer dieser Schlachten das Feldgeschrei geworden ; durch eine häufig vorkommendeVerwandlung des W der alten Spraclrweisen in ein G entstanden sodann die Namen Guelphen undGibellinen, wodurch sich anfänglich nur die Anhänger der beiden Häuser in ihren hartnäckigen Kämpfenin Deutschland unterschieden, bis diese Namen später zur allgemeinen Bezeichnung der Uüzufriednenund der Reichspartei dienten. Endlich aber verloren sie jenseits der Alpen fast gänzlich iln^e UrsprünglicheBedeutung, indem sich zuerst die päpstlichen und kaiserlichen Anhänger als Guelphen Und Gibellinenbekämpften, und zuletzt ein heftiger, in Interessen und Motiven häufig wechselnder* Parteigeist unterdiesem Namen bis in die Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts fortwütend das schöne Land verheerte.
Der Streit der welfisclien und hohenstaufischen Häuser legte sich endlich, als der heilige Bernharddas Kreuz predigte , und Conrad III. und Ludwig VII. von Frankreich den allgemeinen Kreuzzug an-führten. Der Erfolg dieses Zuges fiel unglücklich aus; Conrad verlor sein ganzes Heer; er kehrte nachDeutschland zurück, wo ihn der Tod bald ereilte*
1162. Wie sieb jede Periode durch grosse Männer auszeichnete , so erschien die schwäbische unterFriedrich I. * genannt Barbarossa, in ihrem schönsten Glanze. Conrad III., sein Oheim, hatte ihn schonbeim Herannahen seines Endes zum Nachfolger empfohlen und seinen eignen Sohn hintangesetzt, dernoch zu jung war, um die Krone zu tragen und Deutschland aus den Stürmen , die ihm bevorstanden,Zu retten. In der Versammlung, in der er gewählt wurde, zeigte sich schon ein grosses Uebergewichtder Herzoge und Erzbischöfe am Rhein, so dass man darin die Wiege des Churfürstencollegiums erblickenkann. Eine bessre Wahl hatte übrigens Deutschland nicht treffen können ; Friedrich besass alle trefflichenEigenschaften des Geistes und Herzens , und \var ein wahrer Held-; er stellte die kaiserliche Macht inItalien her, und regierte iu Deutschland, obgleich in den gesetzlichen Formen, mit königlicher Kraft.
I nter den vorhergehenden Regierungen hatte Italien fast gänzlich das deutsche Joch abgeschüttelt, undRom , mit seinem Papst im Kampfe , wollte sich zu einer Republik bilden , als der Kaiser über dieAlpen zog, Alles was ihm widerstand zum Gehorsam brachte, sich zum König der Lombardei undin Rom zum Kaiser krönen liess. Eine achtzehn Jahre dauernde Spaltung brachte unterdessen neuesUnglück über die Kirche , und Friedrich hatte sich unglücklicherweise gegen Alexander Hl. erklärt.Daher sprach dieser, fast wie Gregor VH. gefährliche Papst, den Kirchenbann gegen ihn aus, und seinunversöhnlich wütender Hass ward die Quelle aller Widerwärtigkeiten , die der Kaiser in Italienerfahren musste.
Friedrich endigte seine Laufbahn mit einem Kreuzzüge ; sein Soliii Heinrich , gewählter römischerKönig , blieb in Deutschland zurück , als er sich einen Weg nach Asien bahnte , dort aber bald imLaufe glänzender Siege durch ein Bad im Flusse Seleph das Leben verlor. Die Catastrophe des welfisclienHauses, von der auf dem untern Rande die Rede ist, erfolgte unter der Regierung dieses Kaisers.
1190. Ihm folgte sein Sohn Heinrich VL , ein stolzer, strenger, bis zur Grausamkeit gewalttätigherrschender Fürst. Gegen ihn scheiterten die Versuche Heinrichs des Löwen auf seine verlornenHerzogtümer. Neapel und Sicilien fielen diesem Kaiser durch die Rechte seiner Gemahlin Constantiazu; doch müsste er dieses schöne Erbe erst gegen Tam-red, einen natürlichen Sohn des Königs Roger,erobern* der sich, bei der Weiten Entfernung Heinrichs, in Besitz davon gesetzt hatte. Derselbe Heinrichist es , der den König von England, Richard Löweölierz , gefangen hielt» und nur gegen ein starkesLösegeld wieder freigab.
Heinrich VI. hatte seinem Sohne Friedrich IL die Thronfolge versichern lassen. Dieser war aber erstvier Jahre alt, als der Kaiser starb, und seine Jugend gab Gelegenheit zu Unruhen, die ihn eine Zeit-lang um die Krone brachten.
1197. PuiLirr* sein Oheim, war rechtmässiger Regent und Vormund.
Nicht ohne Grund Waren die Päpste über eine fernere Verbindung Neapels mit dem deutschen Reichein der Familie Hohenstaufen besorgt* und bemühten sich daher, eine andre Kaiserwahl zu bewirken.Philipp selbst benutzte mit Geschicklichkeit diese für die Ruhe Deutschlands so bedenklichen Umstände,und bewog die Stände* ihn zum König zu wählen ; allein die päpstliche Partei setzte ihm die Wahl Otto’svon Braunschweig * des ältesten Sohnes Heinrichs des Löwen * entgegen * und Philipp blieb zwar immergrossem Vorteil gegen seinen Gegner, Wurde aber, als er ebün atif einem Zuge gegen ihn begriffenir, zu Bamberg von Otto von Wittelsbach ermordet.
1208. Otto von Braunschweig, von seinem Nebenbuhler durch den Tod befreit, war nun alleinigerHerr in Deutschland * und hätte in rtihigein Genüsse der Krone bleiben können , Wäre er nicht mitdein Papste , seinem ursprünglichen Beschützer , zerfallen. Aber er wollte versuchen , was seit demberühmten Kampfe Gregors VH. mit Heinrich IV. eine unmögliche Aufgabe für die deutschen Kaiserblieb, das gewaltige Uebergewicht der Päpste aufzuheben, und jene oberherrliche Stellung gegen Romund das Kirchenhaupt wieder einzunehmen, wie sie Carl der Grosse und die sächsischen Kaiser behauptethatten. Ilm traf der päpstliche Bannstrahl, ein Theil der Reichsstände lehnte sich gegen ihn auf undwählte Friedrieb II.; dieser eilte nach Deutschland, und zwang seinen Gegner ihm das Reich zu über-lassen und sich in seine Erblande zurückzuziehen. Die berühmte Schlacht bei Bovines, Wo auch PhilippAugust von Frankreich gegen ihn war, entschied.
1212. Unter Friedrich II. blieb eine Zeitlang Friede und Ordnung ; als aber Gregor IX. denpäpstlichen Stuhl bestieg, da erhoben sich mit diesem heftigen , ehrgeizigen Priester auch wieder dieUnruhen und Stürme. Er fing damit an* den Kaiser in Bann zü tun, weil er zögerte einen Kreuzzuganzutreten. Friedrich, der sich mit einer Tochter des Königs von Jerusalem vermahlt hatte, unternahmihn endlich * und mit solchem Glück , dass er ohne Krieg * bloss durch den Ruf seines Mutes , cheOberherrschaft über Jerusalem und mehrere andre heilige Städte erhielt, und unter den günstigstenBedingungen den Muselmännern Ruhe bewilligte. Aufs neue sprach aber der unversöhnliche Gregorin Europa den Bann gegen ihn aus, weil er in Asien seine Vortheile nicht verlolgt habe; er bemächtigtsich eines Theils von Neapel und versucht Deutschland aufzuwiegeln. Friedrich eilt zurück, schlägt denPapst* den die Römer selbst aus ihrer Stadt vertrieben hatten, söhnt sich mit ihm aus* und setzt ihnwieder in Rom ein. Kaum aber sah sich der undankbare Oberpriester wieder in seinen Verhältnissenhergestellt, als er zti seinen Ränken gegen den Kaiser zurückkehrte; er stiftete Empörung in der Lom-bardei, er erneuerte die Kirchenbänne. Diessmal aber halfen sie nicht, die Deutschen blieben ihremFriedrich treu * und Gregor starb im Kummer über seine vereitelten Plane. Doch brachte sein Tod nichtden Frieden zwischen Kirche und Reich. Innoeentiüs IV. verfolgte die Balm seiner Vorgänger, es gelangihm sogar in Deutschland eine mächtige Partei zu bilden, die einen Gegenkönig , den Landgrafen zuThüringen* Heinrich Raspo, Wählte. Man nannte diesen den Priesterkönig, weil süine Wahl nitr durchdie Erzbischöfe am Rhein bewirkt War; und da ein frühzeitiger Tod ihn mitten im Kampfe für den usur-pirten Thron ereilte* so wählte die Partei einen zweiten Priesterkönig , TKilhclm , Grafen zu Holland.Friedrich hatte aber unterdessen schon so grosse Fortschritte jenseits der Alpen gemacht, dass die Unter-werfung Italiens und der Untergang der pähstlichen Partei nicht mehr fern schien; und jetzt auf einmalmitten unter so günstigen Aussichten , ward der Kaiser das Opfer eines unerhörten Verbrechens. Manglaubt, dass er von seinem natürlichen Solme Manfred vergiftet Worden.
Friedrich besass grosse Eigenschaften; er War von unerschütterlicher Festigkeit, mutig und gewandt.
Mit ihm schlossen sich die schönen Tage der deutschen Monarchie, Und er war der letzte, der als wahr-hafter Herr über Deutschland regierte. Zu seiner Zeit war es, Wo die Ritter des Deutschordens, da siedas gelobte Land verlassen müssten , in Deutschland einen festen Sitz bekamen.
1260. CONRAD IV., Friedrichs Sohn, der noch beim Leben des Vaters gewählt Worden, hatte diekaiserliche Gewalt fast nur in seinem Lager über seine eignen Soldaten zu üben; seine ganze Regierungs-Zeit von vier Jahren musste er im Felde, gegen Wilhelm von Holland und gegen den Papst, den gebornenFeind der Kaiser, Zubringern Mit ihm endigt die schwäbische Periode, und eine neüe beginnt. {Siehe dasHaus Schwaben No. 22.)
DIE LANGE ANARCHIE ÖDER DAS ZWISCHENREICH.
Zwischen der schwäbischen Periode und Rudolphs von Habsburg Erhebung auf den kaiserlichen Thronliegt eine Zeit, über welche die Geschichtschreiber nicht ganz einig sind. Von vielen wird eine Fortsetzungder Monarchie angenommen, andre wollen aus diesem Zeitraum ein Zwisclienreich machen. Wir glaubenvon keinem einen Widerspruch befürchten zu dürfen, Wenn wir diese Zeit die Zeit der Anarchie nennenWohl folgten auf die Hohenstaufen noch Kaiser, aber sie waren es nur dem Namen nach, Schatten vonRegenten , die dem deutschen Boden fremd , auch alle in ihrem ursprünglichen Vaterlande starbenWilhelm von Holland fand den Tod gegen die Friesen; Richard von Cornwaltis erschien nur auf einenAugenblick im Reiche, und AnimoNs von Castilien hat es nie betreten. Durch die vielen Unruhen dieman in Deutschland zu nähren gesucht, durch das Beispiel der wiederholten Empörungen in Italien, warenalle Gemuther zum Ungehorsam , ja zur Zügellosigkeit aufgeregt, und der anarchische Zustand liess nundiesen Geist m furchtbarer Verwirrung aüf bluhen. Schon einmal hatte sich Deutschland unter ähnlichenUmstanden befunden; es war zur Zeit, als der carolingische Stamm erlosch ; aber damals zwang dieFurcht vor den Barbaren-Völkern alle Glieder des Reichs zu einer festen Vereinigung, um Widerstandzu leisten; jetzt hingegen war davon keine Rede, und mehr oder weniger gehörten selbst diese ehemaligenBarbaren zum Reiche. Was hinderte demnach jetzt die allgemeine Unordnung zu benutzen, und sich mit1 heilen der zerstückelten Komgskrone zu bereichern ? So geschah es; gierig eignete sich ein Jeder die
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vom Joche, das arelatische Reich lösste sich völlig ab, der Papst griff nach allen Rechten, die denKaisern noch über die Kirche geblieben waren, und Deutschland , starrend von festen Schlössern , aufdenen Räuber wohnten, überschwemmt von Gesindel, das alle Strassen unsicher machte, hot fast nurdas Bild einer allgemeinen Verwüstung. Zwanzig Jahre lang ohne Gesetze, ohne Gerichte und ordentlicheObrigkeit war dieses schöne Land ntir ein weiter Tummelplatz, Wo Jeder erschien, um seine Schwächegegen Gewalt zu verteidigen, oder seine Macht zu vergrößern. Zwei grosse erledigte Herzogtümer,Thüringen und Oestreich , bildeten einen Hauptgegenstand der Unruhen, und die Erlöschung des HausesHohenstaufen brachte die Verwirrung aüfs Höchste. Der junge unglückliche Conradin , einziger SohnConrads IV.* hatte zu Neapel das Schaffot bestiegen, da er den Versuch machte dieses Erbtheil seinerVäter wieder zu erobern. Nun waren seine Länder in Deutschland verwaist, und wurden als Beute inStücke zerrissen. Die Herzogtümer Schwaben und Franken erloschen, Und aus ihren Trümmern erhobensich eine Menge neuer Fürsten, die ganze unmittelbare Reichsritterschaft und eine grosse Zahl freierReichsstädte.
1273. Rudolph von Habsburg. Ueber zwanzig Jahre lang War Deutschland ohne eigentlichen Herrngewesen; die Zeit war endlich gekommen, wo der Starke wie der Schwache , der Unterdrücker wie derUnterdrückte gleich sehr sich nach der Rückkehr der Ordnung und des gesetzlichen Zustandes sehnten;dieser um seinem Elend ein Ziel zu setzen, jener um seine angemasste Gewalt zu befestigen. Man ver-sammelte sich daher, im Gefühle des gemeinschaftlichen Bedürfnisses , zur Wahl eines neuen Kaisers;
No. XIX. DEUTSCHLAND, 1. Theil, vollständig in 8 Blättern.
Gedruckt und verlegt bei J. Velten, Kunst * und Musikalienhändler in Carlsruhe, 1827.