ERLÄUTERUNGEN
zu
H. KIEPERT’S HANDATLAS.
i > er nach dem ursprünglich festgestellten Plane jetzt vollendet vorliegendeAtlas hat bereits während seines allmähligen Erscheinens, aufser einer uner-wartet lebhaften Theilnahme seitens des gröfseren Publicums, in der Litera-tur eine überaus nachsichtige und wohlwollende Beurtheilung der vom Ver-fasser mehr beharrlich angestrebten, als in der That überall erreichten Aus-führung gefunden: wenn seine dankbare Anerkennung eines so erfreulichenErfolges sich am natürlichsten durch fortgesetztes eifriges Streben nach all-mäliliger möglichster Vervollkommnung des bei dem steten Fortschritt derErkenntnifs niemals völlig abzuschliefsenden Werkes kundgeben wird, so er-scheint es auch jetzt angemessen, den Plan des Atlas im ganzen und ein-zelnen etwas eingehender, als in der Ankündigung geschehen konnte, zu recht-fertigen, über die benutzten Quellen, soweit sie nicht als allgemein bekanntvorausgesetzt werden dürfen, kurz zu berichten, einige zur bequemen Benutzungnothwendige sprachliche Erläuterungen beizufügen, endlich durch nachträglicheAngabe mancher seit dem Erscheinen der ersten Blätter nötliig gewordenenBerichtigungen den vom Beginn des Werkes an theilnehmenden Käufern ge-recht zu werden.
Zweckmäfsige Vertheilung des geographischen Stoffes unter die ein-zelnen Blätter, kritische Benutzung der überhaupt zugänglichen, sowohl cr ra .phischen als literarischen Quellen, Genauigkeit der Zeichnung zunächstbei der Reduction der topographischen Grundlage, d. i. der Flufs- und Stra-fsennetze ohne Ueberladung mit für den Zweck des jedesmaligen Kartenbildesüberflüssigen Details, eine dieser Grundlage entsprechende zweckmäfsio- o-e-neralisirende und doch die Unterschiede der charakteristischen Formen der Erd-oberfläche klar hervorhebende Terrainzeichnung mit Vermeidung oder nurleichter Andeutung aller rein hypothetischen Formen in den weniger < reu aubekannten Erdräumen, strenge Auswahl der aufzunehmenden Namen nachMal'sgabe ihrer historischen und statistischen Wichtigkeit nebst einer die Er-leichterung der Uebersicht erzielenden zweckmäfsigen Anordnung der Schrift-arten, Sorgfalt in Rechtschreibung der Namen und möglichst erschöpfendeCorrectur des ausgeführten Stiches: dieses sind im allgemeinen die An-
forderungen, welche das geographische Publicum an den Autor eines neuenKartenwerkes zu stellen berechtigt ist: Anforderungen, welche sich eigentlichalle von selbst verstehen und doch nur in einigen gewissenhaft ausgeführtenArbeiten mehr oder weniger erfüllt erscheinen, dagegen in einer täglich wach-senden Masse buchhändlerisch angepriesener Fabrikate gröblichst vernachläs-sigt werden. Wie sich zu denselben unsere Arbeit im einzelnen verhält kurzdarzulegen, erscheint demnach um so weniger überflüssig, als ein Urtheil dar-über fast nur dem Kenner nach eingehender Prüfung; möglich ist, für gewöhn-lich aber in der Schätzung des Publicums zurücktritt gegenüber der Ausstat-tung in Eleganz des Stiches, Druckes, Papiers und Colorits, also denjenigenAeufserlichkeiten, deren sorgfältige Berücksichtigung überall mehr das Verdienstdes Verlegers bleiben wird. Derselbe hat in unserem Falle mit anzuerken-nender Bereitwilligkeit für die Durchsicht der einzelnen von den Coloristen ab-gelieferten Blätter in Bezug auf die Richtigkeit des Grenzen - Colorits, nachMafsgabe der vom Autor gegebenen Vorschriften, Sorge getragen. Wo dennocheinzelne, von den Coloristen begangene und bei der Durchsicht überseheneFehler oder Auslassungen Vorkommen, bittet man sie nachsichtig zu entschul-digen und wenigstens den Autor nicht dafür verantwortlich zu machen *)
Die ursprüngliche Absicht des Autors und des Verlegers, bei einem auflangjährige Brauchbarkeit berechneten Werke zur Vervielfältigung sich mög-lichst ausscliliefsend des Kupferstichs zu bedienen, hätte sich ohne Scha-den für den raschen Fortgang des Unternehmens nicht wohl realisiren lassenbei dem notorischen Mangel dazu geeigneter Arbeitskräfte in Deutschland *und vorzugsweise in Berlin . Denn gerade in diesem Centralpunkt deutschenwissenschaftlichen Lebens, der sonst für die Herstellung des Werkes seitensdes Autors die günstigsten Bedingungen bot, hat die langjährige Vernachläs-sigung des Kupferstiches gegen die Lithographie seitens der Behörden undbesonders der militärischen Autoritäten, nur eine sehr geringe Zahl ältererKünstler, zum Theil Meister ihres Faches, aber fast ohne jeden Nachwuchsjvon Schülern übriggelassen — die jüngern Kräfte dagegen haben sich aus-schliefslich denjenigen Hauptstädten zugewendet, wo man vorsichtig genuo-gewesen ist, die solidere und gerade für die Bedürfnisse des Stats in vielerBeziehung vortheilhaftere Technik des Kartenstichs in Kupfer fort und fortzu pflegen, wie namentlich in Wien , München und Dresden . Um die Aus-führung des Stiches dem Fortschritt der Zeichnungen entsprechend zu fördern,waren wir somit genöthigt aufser den wenigen hiesigen, auch auswärtige Ar-beitskräfte, namentlich in München , in Anspruch zu nehmen; diesem Umstande
*) Damit Veränderungen im Colorit, wie sie öfters durch Verrückung der Grenzen erforderlichwerden, nach Bedürfnis und Wunsch der Besitzer der Karten in ihrer ersten Gestalt, nachträglich aus-geführt werden können, wird die Bemerkung nicht überflüssig sein, dafs die Festigkeit und Glätte deszu den Karten verwendeten Papiers und die Eigenschaft der meisten zum Colorit verwendeten Farben(natürlich mit Ausnahme der in einzelnen Fällen durch Oelfarbendruck aufgetragenen) das vorsichtigeWegwaschen der unrichtig gewordenen Grenzen mittelst eines feuchten Schwammes gestattet, in denmeisten Fällen wenigstens bis zu dem Grade, dafs ein Einträgen der berichtigten farbigen Linien darüberdem Ansehen der Blätter durchaus keinen Eintrag thut. [
ist eine, bei der Verschiedenheit der in der Ausübmig dieser Kunst an verschie-denen Orten herrschenden Manieren mitunter erkennbare Ungleichförmigkeiteinzelner Blätter zuzuschreiben: besonders in der Ausführung des Bergter-rains, dieser schwierigsten Aufgabe des Kartenstiches, für die vollkommengenügendes Verständnifs der Zeichnung und Klarheit der Auffassung nebengröbster Ausbildung der Technik, wie sie der Altmeister, Herr Brose, indem Stich der Karte der Schweiz so glücklich bewährt hat, sich überhauptso selten vereinigt finden, daher denn an Bestimmtheit des charakteristischenAusdrucks mehrere der in München und Nürnberg gestochenen Blätter aller-dings jenes Vorbild nicht völlig erreichen, ohne jedoch dadurch an praktischerBrauchbarkeit zu verlieren. Gleiches gilt von denjenigen Blättern, welche,
J zur schnelleren Förderung des Stiches, zumal wenn sie Länder betreffen, fürwelche der schnelle Fortschritt in Erlangung sichrer Grundlagen der Karten-zeiclniung die immer bald eintretende Nothwendigkeit einer gänzlichen odertheilweisen Umarbeitung in Aussicht stellte, passender durch Lithographieausgeführt werden mufsten, worin die kunstfertige Hand des Hrn. Sulz ersogar, wie der Augenschein zeigt, Arbeiten geliefert hat, welche in Hinsichtauf Schärfe des Ausdrucks und Eleganz viele Erzeugnisse des Kupferstichsübertreffen.
In der räumlichen Vertheilung des Stoffes wird, neben der soweit irgendthunlich durchgeführten Rücksicht auf leichte Vergleichbarkeit der Mafsstäbe,nach denen die einzelnen Karten entworfen sind, das Bestreben nicht verkanntwerden, möglichst zusammenhängende Bilder der physischen Gestaltung derdargestellten Länderräume auch über die zufälligen politischen Grenzen hin-aus, namentlich in der Vollständigkeit der Terrainzeichnuug zu geben. Wasdas zunächst zur Zeichnung benutzte Material betrifft, so gewährten aufserden gröfstentheils zu diesem Zwecke besonders beschafften speciellen Original-karten neuesten Datums für eine grofse Menge von Punkten Aushülfe die rei-chen Schätze der hiesigen köuigl. Bibliothek und der damit jetzt verbundenen,vom verstorbenen General v. Scharnhorst zusammengebrachten Karten-sammlung, nicht minder die durch manche seltene Erzeugnisse der Karto-graphie ausgezeichneten Sammlungen meiner beiden mm verewigten GönnerA. v. Humboldt und C. Ritter, sowie der hiesigen geographischen Ge-sellschaft. So weit, zunächst für die aufsereuropäischen Länder zur Ergän-zung und Berichtigung der benutzten Kartenwerke die Ausbeutung litera-rischen, in der bequemeren kartographischen Form noch nicht verarbeitetenMaterials irgend thunlich war, ist meinerseits kein Opfer an Mühe und Zeitgescheut worden, wenn auch absolute Vollständigkeit auf diesem Gebiete, beider immer riesenhafter anschwellenden und von den vorhandenen geographi-schen Zeitschriften kaum anders als in ihren Umrissen bewältigten Masse derBerichterstattung zu erreichen, keine in den Grenzen der Möglichkeit liegendeAufgabe war. Alle topographischen Einzelheiten z. B., welche in zum Theilschon älteren Werken und einer unglaublich weitschichtigen Journalliteraturzerstreut, in Berichten von botanischen oder Missionar-Reisen oder militäri-schen Recounosciruno'en u. dsd. etwa über Erdtheile wie Ostindien oder Africaoder Südamerica für Verbesserung der Karten noch unbenutzt liegen, gewis-senhaft auszubeuten, geht weit über die Kräfte des Einzelnen und würde nurdann einen Zweck haben, wenn es sich um specielle Karten in gröfserem Mafs-stabe, nicht aber um allgemeine und so stark reducirte Darstellungen handelt.Dafs übrigens in dieser Beziehung namentlich englische und französische Kar-tographen von Ruf es sich ungemein leicht machen und nicht nur längst pu-blicirte in ihrer eigenen Sprache geschriebene Reisewerke ohne Karten, son-dern auch vorhandenes Kartenmaterial, sofern es etwa deutschen Ursprungsist, mit wenigen Ausnahmen unbenutzt lassen, davon geben mitunter selbstdie neuesten in London und Paris erschienenen Karten nur zu deutliches Zeug-nifs. Diesen Vorwurf zu vermeiden, habe ich gesucht wenigstens die wich-tigeren Reiseberichte aus den zahlreichen Missionszeitschriften und den Ver-öffentlichungen gelehrter Gesellschaften Asiens und Americas, zum Theil mitgrofsem Zeitaufwand und sehr geringem Gewinn auch für die Kartenzeich-nung nutzbar zu machen.
In anderem Sinne war die Benutzung einer andern Classe literarischerWerke unumgänglich für die specielleren Karten europäischer Culturgebiete,nämlich zu dem doppelten Zwecke passender Auswahl der aufzunehmenden'Orte nach dem Mafse ihrer Wichtigkeit, und correcter Schreibung derNamen. Dafs für letzteren Zweck selbst die detaillirten Original-Aufnahme-Karten, um wie viel weniger noch abgeleitete Quellen, nicht überall als Normdienen können, hat seinen natürlichen Grund in dem Umstande, dafs die mi-litärischen Autoren, denen die Redaction derselben in den meisten Fällen aus-nahmslos überlassen ist, diesem Gegenstände eine viel geringere Aufmerksam-keit zu schenken pflegen, als die Statistiker von Fach. Ueberall, so weit siezugänglich waren, wurden daher die von den verschiedenen Regierungen ver-öffentlichten statistischen Originalquellen auch für diesen Zweck ver-glichen, vorzüglich aber mufsten sie mittelst der Bevölkerungsangaben für dieeinzelnen Orte, neben den Resultaten der administrativen, commerciellen undindustriellen Statistik imd der Rücksicht auf historisches Interesse als Norm
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