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Neuer Handatlas über alle Theile der Erde / entworfen und bearbeitet von Dr. Heinrich Kiepert, Mitglied d. Königl. Academie der Wissenschaften zu Berlin
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nur bei Hauptströmen stehen zu bleiben, an Indus, Tigris, Euphrates, Nil ,und das Berberwort für Strom, Nigir ) in Folge unsrer auf der klassischenberuhenden historischen Bildung so ungemein viel bekannter, dafs sie auf Kar-ten, die nicht schlechtweg nur den heutigen Zustand, auch in der Sprech-weise, zu repräsentiren haben, nicht füglich entbehrt werden konnten. Sowird es auf dem klassischen Boden Griechenlands und der von ihm beein-flufsten Nachbarländer auch stets zweckmäfsig erscheinen, die historisch be-rechtigten, ihrer Localität nach meist wohlbekannten und mitunter selbst beider heutigen Bevölkerung durch mittelalterliche Entstellungen oder Umnamun-gen noch nicht ganz in Vergessenheit gebrachten, vielmehr in Folge wachsen-der Bildung jetzt wieder bevorzugten Namen der Berge, Flüsse, Inseln auchauf den Karten gröfseren Mafsstabes {denn in einem Mafsstabe wie von Bl. 25würde es der Raum nicht gestatten) wenigstens neben den heutigen Vulgär-benennungen in Gebrauch zu behalten, wie man sie in mündlicher Rede Deut-lichkeits halber stets den barbarisirten Formen vorgezogen hat. Haben docheinzelne antike Bergnamen keltisch-römischen Ursprungs, der klassischen Er-innerung zu liebe, mitten in unserm eignen Vaterlande erst in neuerer Zeitsogar an Stelle der volksthümlichen Benennungen Eingang gefunden, wie Teu­ toburger Wald statt Osning , Taunus statt Höhe, Sudeten (dieser wenigstensberechtigt als systematischer Gesammtname der verschiedenen Ketten), in wel-chen Fällen wenigstens die Beifügung der heimischen Benennung passend er-schien *). Absichtlich vermieden habe ich dagegen, als dem in der Nomen-clatur eines Landes stets zu bewahrenden historiscli-volksthümlichen Elementevöllig zuwider, wenn auch aus anderen Gründen dem Naturforscher zweck-mäfsig erscheinend, solche systematisch neu gebildete Gebirgsnamen, welchenur von der geologischen Beschaffenheit abstrahirt sind, z. B. die aus derGrimmschen Karte leider auch schon auf Schulkarten hie und da eingetra-genen Benennungen desschwäbischen und fränkischen Jura eine Uebertra-gung durch welche der historischen Bedeutung des Namens des wirklichen Jurain der Geographie Unrecht geschieht. Ebenso beruhen die von Berghausgebildeten und nach dem Vorgang seiner Karte in viele danach copirte Kartenund Lehrbücher übergegangenen, Benennungen der Gebirgssysteme der spa­ nischen Halbinsel zu sehr nur auf subjectiver Ansicht, zum Theil (wie dassogen, iberische Gebirge) auch geradezu auf Misverständnifs, als dafs sienicht ebenso, wie manche ebenfalls in die Schulkarten eingedrungenen analogerfundenen Namen für die niederen Höhenzüge Osteuropas , welche bereitsA. v. Humboldt als unpassend verworfen hat, von Karten, bei deren Bear-beitung der historische Sprachgebrauch mafsgebend gewesen ist, besser aus-geschlossen blieben.

Die bei den Namen der natürlichen Objecte zur Qualitätsbezeichnungdienenden, überdiefs in Menge in zusammengesetzten Ortsnamen erscheinen-den Ausdrücke (geographischen Termini), sowie die so häufig in Namen vor-kommenden adjectivischen Bezeichnungen von Gröfse, Lage, Farbe, Beschaf-fenheit u. s. w. in jeder Sprache zu verstehen, ist eine wesentliche Hülfe beimgeographischen Studium und namentlich beim Gebrauche der Karten; daherVersuche zu solchen terminologischen Sammlungen, sogar mit Berücksich-tigung der Etymologie der Namen im allgemeinen, mehrfach gemacht

worden sind, in Verbindung entweder mit geographischen Wörterbüchern oder

mit Kartensammlungen (wie von Berghaus jun. zum Stielerschen Atlas, und vonJ. M. Ziegler zu seinem Atlas) alle jedoch von einer, in Beziehung aufdie einzelnen Sprachen sehr verschiedenen Zuverlässigkeit, zum Theil von ar-gen Fehlern entstellt. An die Stelle dieser mit zu wenig umfassender Sprach-kenntnifs unternommenen Versuche eine richtigere, vollständigere und zu°ieichleicht übersichtliche Sammlung, ein heutigen philologischen Anforderungenentsprechendes geographisches Onomasticon zu setzen, wozu ich seitJahren reichhaltige Sammlungen vorbereitet habe und mit Hülfe einigersprachkundigen Freunde endgültig zu redigiren hohen darf, schien mir hiernicht der passende Ort und mufs ich mir für eine besondere Publication Vor-behalten; mit Berücksichtigung des Bedürfnisses bei der Benutzung einzelnerBlätter des Atlas ist einstweilen eine Auswahl des unentbehrlichsten dieserArt, namentlich für weniger bekannte Sprachen, wie Spanisch , Portugiesisch,Magyarisch , die slawischen und die wichtigsten der orientalischen, in die be-treffenden einzelnen Blätter an passender Stelle aufgenommen worden.

Eine nicht weniger wichtige und noch weit mehr bestrittene, die Namenbetreffende Frage ist die der Rechtschreibung. Völlig consequent durch-zuführen ist sie nicht einmal für die bekannten, zum Theil ungemein weitverbreiteten europäischen Sprachen, welche sich unseres allgemein europäischenAlphabets, des lateinischen, bedienen. Trifft doch die Unsicherheit, an wel-cher ein so spät und so unvollkommen fixirtes orthographisches System, wiedas so vieler Verbesserungen dringend bedürftige unsrer eignen deutschen Spra-che im allgemeinen leidet, eben so gut auch die Eigennamen: von den Local-namen wenigstens alle diejenigen, welche ihrem deutlichen Sinne nach dernoch lebenden Sprache angehören, z. B. die allbekannte Differenz des Schrei-bens mit c oder k , worin auf angebliche officieile Schreibung sich zuberufen Täuschung ist, da das historische Herkommen in den Jahrhundertenmannigfach gewechselt hat, die Behörden aber der verschiedenen deutschenStaten, ja der verschiedenen Tlieile desselben States unter einander, darin kei-nerlei festes Priucip beobachten **), das unentschiedene Schwanken zwischenweichem s, scharfem (an Stelle von sz stehenden) End- s, sz und irrig stattsz geschriebenem ss, welches letzte gleichwohl beibehalten werden mufste, dadie Type fs oder eine einheitliche für sz in der so häufig zu verwendenden Ma-juskelschrift unausführbar bleibt; gegen die Beseitigung von so rein überflüs-sigem mittelalterlichen Schreibluxus, wie Vokal-Dehnungszeichen in offnen Silben

^ eui °^ ur ff er Wald habe ich mich, trotz des jetzt schon allgemein eingerissenen Misbrauchs,nie t entschliefsen können in die Karten zu schreiben, da die lang geglaubte Indentität zu stark ange~fochten, wenigstens nicht bewiesen ist; entschieden falsch ist, trotz des jetzt ganz vulgär gewordenenMlS ^ f- 6 ° CWS statt Miltenberg im Odenwald.

) ein ig auf e i n jg e Jnconsequenzen in früheren Blättern beobachtetes Verfahren, unter Beibe-haltung von c in denjenigen Namen, denen es durch ihre ursprünglich römische oder keltische J'orm ge-sichert ist, sonst überall, namentlich im östlichen Deutschland , k zu schreiben, ist wohl berechtigt durchdie im Gegentiei leicht einreifsende Confusion mit den vielen slawischen Namen, in deren Schreibungc einen ganz andern Laut (deutsches z) bedeutet. Aus demselben Grunde und als völlig unnöthig isty in deutschen Namen vermieden worden, auch gegenüber dem von J. Grimm gebührend abgefertigtenofficiellen Unfug, Bayern statt des grammatisch allein gerechtfertigten Baiern zu schreiben.

und Consonanten-Verdoppelungen am Silbenschlufs *) wird im Interesse derKlarheit die auf einer schriftvollen Karte durch Ersparung von Buchstabenstets gewinnt, eben so wenig zu erinnern sein, wie gegen die zu demselbenEnde auch schon von anderen gebrauchte, überdiefs auf jedem Blatte beson-ders erklärte Abkürzung der am häufigsten vorkommenden Endsilben. Esist schon bemerkt, dafs die Ermittelung der zuverlässigsten Schreibung, nichtallein auf deutschem Gebiete, dem allerdings bei der speciellern Behandlungdesselben der bei weitem gröfste Theil der in Frage kommender Namen ange-hört, sondern soweit überhaupt gutes, bequem nutzbares Material zugänglichwar, nicht auf die Benutzung der* nicht selten an Schriftfehlern leidenden Ori-ginal-Aufnahme - Karten beschränkt blieb, sondern auch durch literarische, sta-tistische u. a. Original-Quellen unterstützt wurde.

Hinsichtlich der Bedeutung des in fast allen 12 europäischen Sprachen,welche sich des römischen Alphabets bedienen, abweichenden Gebrauches ein-zelner Schriftzeichen zur Bezeichnung verschiedener Laute ist nur die Aus-sprache des Französischen, Italienischen und Englischen als allgemein bekanntvorausgesetzt, sowie die der dänischen, schwedischen, norwegischen Namendem Deutschen von selbst verständlich ist. Bei der sehr abweichenden und we-niger bekannten Bedeutung vieler Vocallaute im Holländischen und Portu-giesischen, vieler Consonanten in diesem und dem Spanischen , erschieneine kurze Erläuterung darüber auf den betreffenden Blättern selbst (20, 18,40) am zweckmäfsigsten; ebenso für die westslawischen Sprachen und dasMagyarische, mit deren Orthographie die meisten Leser noch weniger ver-traut zu sein pflegen, auf Bl. 12, 13, 24. (Vgl. unten die Bemerkungen zuBl. 13.) Aulser dem gröfsten Theile Europas umfafst der Gebrauch unsere Al-phabets auch den ganzen americanischen Erdtheil, und zwar mit geringenAusnahmen (in Grönland und Westindien ) ausschliefslich in drei orthographischenSystemen: dem englischen, spanischen und portugiesischen; überall, nament-lich aber auf den beiden letzten Gebieten, wo die nationale Mischung mitder Urbevölkerung überwiegt, sind daher unzählige Namen aus den einheimi-schen Sprachen, nicht allein von Flüssen und Bergen, sondern auch Ortschaf-ten, in das europäische Culturgebiet aufgenommen worden, so dafs eine Aus-scheidung und Transcription der indianischen Namen nach der Ausspracheunmöglich sein würde, und kein anderes Verfahren möglich erscheint, als Bei-behaltung sämintlicher Namen in der Orthographie derjenigen Völker, durchwelche wir mit denselben bekannt geworden sind. Ebenso mufste mit einigenLocalnamen an anderen durch Portugiesen, Spanier, Holländer frühzeitig be-fahrenen Küsten Africas und Asiens der durch diese Völker zuerst in Auf-nahme gebrachten und von den übrigen Europäern beibehaltenen Schreibartder Namen, auch wo sie zu einer falschen Aussprache Veranlassung gegebenhat (z. B. China, Cochinchina ), die Concession der Beibehaltung jener einmaldurch jahrhundertlangen Gebrauch berechtigten Formen gemacht werden, aufwelche Ausnahmen jedoch durch specielle Bemerkungen in den betreffendenKarten aufmerksam gemacht worden ist. Nur die, durch ihr eigentüm-liches auf Bl. 20 erklärtes System der Vocalschreibung dem Fremden schwerverständliche holländische Schreibart der einheimischen Namen, welche indem von dieser Nation beherrschten indischen Archipelagus die herrschende,auch in allen holländischen Karten gebrauchte ist, in einem deutschen allge-meinen Atlas beizubehalten, erschien nicht zweckmäfsig und wurde durch Um-schreibung in unsere Schreibart um so besser ersetzt, als das betreffende ma-laiische Sprachgebiet sich aufserdem über gröfsere zu den holländischen Co-lonieu in keiner Beziehung stehende Räume des Oceans ausdehnt.

Was nun die grofse Masse der übrigen Namen betrifft, die den Sprachendes östlichen Europa (den ostslawischen: russisch, bulgarisch, serbisch,und dem durch die Schrift daran geknüpften wlachisch-romanischen), so-wie Asiens und Africas angehören, unter denen sich Idiome genug mit lite-rarischer Ausbildung und eigenthümlicher, in selbständigen Alphabeten fixirterSchreibart finden, so theilt hier die Geographie mit der allgemeinen Lingui-stik das Schicksal, dem die Specialbeschreibung einzelner Länder und Völ-ker und die Specialphilologie einzelner Sprachen entgehen: vergeblich nacheinem für alle Sprachen, auch nur Hauptsprachen, gleichmäfsig passen-den Transscriptions-Systeme zu suchen; während aber der Linguist bei sei-nem Publicum wissenschaftliche Sprachkenntnifs voraussetzen darf und derVerfasser geographischer Werke sich wenigstens auf gelegentliche sprachlicheErläuterungen einlassen kann, wird der Kartograph immer einen grofsen Theilder sonst erreichbaren, aber nur von wenigen seiner Leser gewürdigten Ge-nauigkeit der Macht des Herkömmlichen aufopfern müssen. Die nächstlie-gende Forderung an einen in deutscher Sprache bearbeiteten Atlas: alle Na-men (soweit sie Sprachen mit uns fremden Alphabeten oder ungeschriebenenangehören) der deutschen Schreibart gemäfs, also so zu schreiben, dafs eindeutscher Leser sie danach ohne weitere Anleitung annähernd richtig aus-,sprechen könnte, ist leider unerfüllbar, da selbst wenn wir auf viele feinereNüaucen fremder Sprachen verzichten wollen, unserer Sprache (und mehr oderweniger auch den übrigen, die sich desselben Alphabets bedienen) mancheconsonantische Laute und damit auch unserem Schreibgebrauch die Mittel zurBezeichnung derselben ganz fehlen; so z. B. das englische Ih in seinen beidenAbstufungen, der weiche Zischlaut des französischen j und (j , namentlich aberbesondere Buchstaben zur Bezeichnung der in unserer Sprache vorhandenenweichen und scharfen Sibilans, die wir, da jene nur anlautend, diese nur aus-lautend vorkommt, beide durch das eine Zeichen s auszudrücken kein Be-denken tragen: die Verdoppelung dieses s aber wieder nur für den geschärften,nie für den, nur in den platten Volksdialekten vorkommenden, verdoppeltenweichen Laut verwenden. Gerade für diesen Buchstaben ist, gegenüber demscharfen Unterschiede den die meisten Sprachen zwischen dem weichen undscharfen Laute, einfach und verdoppelt, am Anfang wie Ende der Silbe, ma-

*) Darunter auch gk statt einfachem g in slawischen Namen; nicht aber in jetziger Ausspracheunausgesprochenes w in slawischer Endung ow, wo der historische Usus auf niederdeutschemSprachgebiet eben so fest eingewurzelt ist, wie der des blofsen 0 in derselben slawischen Endung aufoberdeutschem Gebiete in der Lausitz ; das Nebeneinandervorkommen beider Formen bezeichnet alsodie Dialektgrenze, keineswegs beruht es auf Stich- oder Schreibfehlern. Die unerträglich weitschweifige,in Obersachsen in slawischen Namen übliche Schreibart tzsch habe ich durch Auslassung des überflüs-sigen z vereinfacht, aber im Anfänge des Wortes derselben Schreibweise zu folgen (Tsch statt des übli-chen Zsch) war wegen der im Wortanfang viel auffallenderen Veränderung nicht wohl thunlich.