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Die Viehzucht und Milchwirthschaft der Schweiz / bearbeitet von F. Anderegg, Professor, Generalsekretär des schweizerischen landwirthschaftlichen Vereins, unter Mitwirkung von F. Mengold, Ingenieur
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In der neuesten Zeit wurde auch versucht, die Abstammung undursprüngliche Heimat unserer Rindviehracen nicht bloss mit Hülfe der ver-gleichenden Anatomie zu erforschen und festzustellen, sondern die Ent-wicklung der einzelnen Rindviehstämme zugleich mit der historischen Ent-wicklung der Völkerschaften in Beziehung zu bringen und nach diesen beidenHinsichten die Bildung unserer gegenwärtigen, vorhandenen Viehschlägeahzuleiten.

Man ging dabei von dem Grundsätze aus, dass, ähnlich wie derheutige Völkertypus eines Landes ein Produkt verschiedener, früher schonsesshafter und später periodisch eingewanderter Völker sei, auch diegegenwärtigen Rindviehstämme durch die Mischung verschiedener Vieh-stämme, welche die nomadisch daherziehenden Völkerschaften aus ihrerursprünglichen Heimat mit sich führten und in ihrer neuen Niederlassungzugleich mit dem Vieh der bereits sesshaften Völker und ihrer Nachbarnaufzogen, gebildet worden sei. Dieser neu betretene Weg in der For-schung hat die bisherigen Resultate und Annahmen, welche die ver-gleichende Anatomie zu Tage förderte, nicht nur bestätigt und bekräftigt,sondern in die ganze Angelegenheit neues Licht und Aufklärung undeine vermehrte Sicherheit gebracht und gestützt auf die Herkunft derbeiden Hauptstämme (Braun- und Fleckvieh) auch über die Abstammungder verschiedenen in diesen Hauptstämmen hervortretenden Bacen undSchläge sehr bedeutsamen und wichtigen Aufschluss ertheilt. Bei fort-gesetzter Untersuchung werden die historischen Thatsachen noch übermanche unklare und unsichere Annahme Licht verbreiten.

Gerade unsere Schweiz , in den frühesten und spätem Zeiten das Zielder Einwanderungen und Durchzüge verschiedener Völkerschaften, bietethierin dem Forscher eine ungemein reiche und ergibige Quelle und einegrosse Menge verschiedener Anhaltspunkte; besonders weil sich auf demverhältnissmässig kleinen Fleck Erde die beiden Hauptstämme (Braun- undFleckvieh) in einer so beträchtlichen Anzahl von verschiedenen Schlägenmit meist sehr ausgeprägtem Typus vorfinden.

Wir finden auf dem Wege des historischen Nachweises um so mehrAnhaltspunkte, als gerade in unsere Schweiz Völkerschaften von Süd, Ost,West und Norden einzogen und ein Volksstamm den andern, schwachemvertrieb und diesen in andere Gegenden auszuwandern zwang oder unter-jochte und unter ihm wohnte, oder durch freundlichen Ausgleich nebeneinander hausten und sich während kürzern oder längern Zeiträumenderart vermischten, dass später ein Volksstamm daraus erwuchs. Esliegt nach solchen historischen Thatsachen klar genug auf der Hand,dass ähnlich, wie der Mensch, auch die Viehhabe, die der Eingewandertcals Nomade mit sich brachte und der Sesshafte bereits besass, allmäligzu einem Viehstamm mit ausgeprägten Typen erwuchs, der durch dasdem Lande eigenthümliche Klima und die Bodengestaltung noch diesenangepasste Eigenthümlichkeiten aufweist und sich bis in die neuestenZeiten erhalten und ausgebildet hat.

So finden wir in der Schweiz , unserm Alpenland, die meisten Vieh-schläge nicht nur den territorialen Verhältnissen vollständig angepasst(wie z. B. das Walliser-, Bündner -, Freiburger-, Simmenthaler-, Frutig-vieh etc.), sondern (zwar nicht überall in schroffen Abgrenzungen) nachden stattgefundenen Einwanderungen und nach den, am Ende der Völker-wanderung sesshaft gewordenen Völkerschaften, die beiden Hauptvieh-stämme plazirt und zwar im Nordosten und Osten, dem Sitz der Alle-manen und Bhätier, und in der Urschweiz, dem Sitze unserer ältestenEinwanderer, das Braunvieh mit seinen verschiedenen Schlägen; im Westenund Südwesten, dem Sitze der Burgundionen, das Fleckvieh bis auf denheutigen Tag.

Karte Nr. 5 (Herdebücher) zeigt uns besonders die Uehergängeder beiden Racen, namentlich in Zürich, Aargau und Luzern , welchedie frühere Grenze der beiden Hauptvölker (Allemanen und Rhätiereinerseits und Burgundionen anderseits) bildete, während Karte Nr. 2 (dieeinzelnen Viehstämme nach Zahl und Art) uns zugleich die Sitze unsererfrüheren Ansiedler, deren Nachkommen die gegenwärtige Bevölkerung ist,aufs deutlichste aufweist.

Während die ersten Einwanderer sich vorwiegend in den zugäng-lichen und fruchtbaren Flussebenen und an unsern lachenden Alpenseenniederliessen und wir in dieser Auswahl ihren Geschmack und ihren feinenSinn oft bewundern müssen (wir erinnern an die ersten Niederlassungenbei Baden, Basel, Luzern, am Bodensee, am Neuenburgersee , im Dom-leschg etc.), wurden allmälig, nachdem die Völker zahlreicher wurdenund sie zu ihrer Existenz mehr Grund und Boden bedurften, auch diehöhern und entlegenem Distrikte bevölkert, und wenn diese fortgesetztenZüge auch theils nothgedrungen stattfanden, so ist dabei der angestammteWandertrieb nicht ganz aus dem Auge zu lassen. Es fand namentlich im10., 11., 12. und 13. Jahrhundert eine neue Völkerwanderung statt,

die sich zwar nur in kleinern Rahmen und selten in grössern Zügenvollzog.

So wurde das entlegene Haslithal im Kanton Bern von Unterwaldenaus bevölkert und noch heut zu Tage findet sich dort im Volke derUnterwaldnertypus deutlich ausgeprägt und der Dialekt, die Orts- undGeschlechtsnamen des Haslithals sind mit vielen Namen des Unterwaldner-kantons identisch. Aber auch der Viehstand (der, wie wir später an-deuten, etwas verändert) hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten.Bekanntlich ist das Oberhasli der einzige bernische Bezirk mit aus-schliesslich Braunvieh . Ebenso zogen im 13. Jahrhundert (12771288)aus dem Oberwallis über die ins Bündnerland führenden Nufenen- undFurkapässe die sogenannten « freien Walser » in verschiedene TheilcGraubündens und bevölkerten dort die höher gelegenen Distrikte vonIlinterrhein , Schams, Avers , Vals, Savien, Obersaxen, Davos , wo sienoch bis zur heutigen Zeit unter den Romanen, die meist in den Nie-derungen sesshaft waren, Kolonien bilden, die sich bis zur Stunde inwunderbarer Art als deutsch sprechende Oasen mitten im romanischenElement erhalten haben. Auch hier sind die Typen, die Sprache,Orts- und Geschlechtsnamen aus ihrem frühem Stammsitz in vollemEinklang.

Später finden sich vereinzelte Auswanderungen aus dem Oberwallisnach Sargans, Montafun und Vorderprättigau (Scewis), Vorarlberg .

Prof. Kai.tenegger in Wien , welcher vorzüglich diesen neuen Wegbetrat und gerade in unserer Schweiz *den historischen Nachweis für dieAbstammung unserer Viehracen begründete, glaubt, nach der geschicht-lichen Entwicklung der Völker, es sei der Ursprung der Schweizer-braunviehrace auf die allerältesten Zeiten zurückzuführen und der gegen-wärtige Viehschlag sei ein Mischungsprodukt einerseits des kelto -ligurischenViehstamms (besonders in der Urschweiz), anderseits des allemanisch-rhätischen Viehstamms (Ostschweiz und Graubünden ). Zu diesen beidenMischungsprodukten kam im 14. Jahrhundert noch das Walliscrvieh,welches als das Vieh der alten Iberer (am Ebro in Spanien ) anzusehen seiund der Brachycephalisrace zugetheilt wurde, als dritte Mischung.

Das Fleckvieh der Schweiz qualifizirt Kaltenegger als ein Mischungs-produkt der burgundisch-allemanischen Viehstämme, zu welchen ebenfallsspäter das Walliservieh kam. Während aus dem burgundisch-allemanischenVieh unser Bothfleckvieh entstand, wurde in der Vererbung durch daskräftig durchschlagende Blut des iberischen Rinds (Walliser) die Frei-burger (Schwarzscheck)-Bace erzeugt, welche Kai.tenegger desshalb nicht,wie bisher, als eine Varietät der Fleckviehrace, sondern als eine selbst-ständige, eigene Bace aufstellt.

Wenn Kai.tenegger über die Einwirkungen des iberischen Blutes beider Braunviehrace nichts Genaues erwähnt, so muss doch angenommenwerden, dass dieselbe nicht eine ganz allgemeine sein konnte, sondern haupt-sächlich da stattgefunden haben muss, wo die Einwanderungen durch dieWalliser stattfanden und ebenso, unter Umständen, bei den allernächstenNachbarn. Dieses wäre, nach der geschichtlichen Entwicklung, natürlichzunächst in den genannten Einwanderungsstationen Graubündens (wie an-gedeutet) und im Urscrnthal und Haslithal am ehesten der Fall.Ursern gehörte bis 1410 zu Bünden (Kloster Disentis ).

Nun tritt uns gerade in genannten Gegenden die eigenthümlicheErscheinung vor Augen, dass der Viehstand in seiner Färbung undForm wesentlich von der Färbung und Form des Braunviehs andererGegenden des Kantons (Vorderprättigau, Oberland [Thalbezirke], Unter-und Oberengadin, Bergeil), wie auch der Braunviehdistrikte der unternSchweizerkantone (Schivgz, Unterwalden, Zug, March, Toggenburg, Bhein-thal, Appenzell, Zürich etc.) abweicht und ein augenscheinlicher Einflussdes Walliserblutes vorhanden ist.

In den durch die freien Walser bevölkerten Thalschaften Ursern (weniger deutlich), Davos, Vals, Hinterrhein, Schanfik (inner), Avers ,Schams, Obersaxen, Savien, weniger deutlich auch in Sargans , findetman fast ausschliesslich den grauen Braunviehstamm, welcher bisherebenfalls als eine Varietät des Schwyzerbraunviehstainms angesehen wurdeund mit dem grauen Vieh im Oberwallis identisch ist, und ebenso deutlichausgeprägt auch im Haslithal, während in denjenigen Theilen des KantonsGraubünden und der Schweiz , namentlich der Urschweiz, wo ähnlicheNiederlassungen nicht historisch nachweisbar sind, die braune Färbungbis zur sogen. Dachsfarbe vorherrschend sich zeigt.

Nach solch historischen Nachweisen müsste man ebenso gut, wieProf. Kaltenegger, infolge der Mischung des Fleckviehs mit Walliservieh,das Freiburgervieh zur selbständigen Bace erhebt, auch das graue Braun-vieh als selbständige, eigene Bace qualifiziren.

Fernere Forschungen auf dem historischen Wege werden über diesenPunkt vielleicht noch weitere Resultate zu Tage fördern.